„Medienleitfaden Adipositas“: Diskriminierung – nein, Danke!

Zum heutigen Welt-Adipositastag 2018 bringen die wissenschaftliche Fachgesellschaft Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen, Leipzig den „Medienleitfaden Adipositas“ heraus.

Der Medienleitfaden enthält praktische Empfehlungen für Journalisten und Medienschaffende zum Umgang mit Adipositas und Menschen mit Übergewicht in den Medien.

„Menschen mit Adipositas erfahren tagtäglich vielfältige Formen der Diskriminierung, leider auch in den Medien. Wir wünschen uns eine ausgewogene, empathische und faire Berichterstattung und eine destigmatisierende Darstellung von Menschen mit der chronischen Krankheit Adipositas in den Medien“, erläutert Professor Dr. med. Matthias Blüher, DAG-Präsident und Leiter der Adipositasambulanz des IFB. „Die Medien haben ein großes Potential, das stigmatisierende Adipositas-Narrativ positiv zu beeinflussen. Betroffene brauchen professionelle Hilfe, die das Gesundheitssystem nicht adäquat bietet; eine respektvolle Kommunikation kann mithelfen, für diese Notwendigkeit den Boden zu bereiten“, so Dr. oec. troph. Stefanie Gerlach, Mediensprecherin im DAG-Vorstand.  

„Dass von Übergewicht Betroffene allein für ihr eigenes Gewicht verantwortlich und „nur zu faul zum Abnehmen“, zu „langsam“ oder zu „willensschwach“ seien, sind sehr hartnäckige und weit verbreitete, falsche Annahmen“, so Adipositasforscher Blüher. „Den Betroffenen wird suggeriert, dass Adipositas vollständig kontrollierbar sei und sie ihr Übergewicht eigenverantwortlich behandeln müssen. Diese Haltung wird den Betroffenen nicht gerecht und ist ein Ausdruck fehlender Sachkenntnis über die chronische Krankheit Adipositas“, so Blüher. Derzeit ist die Therapie der Adipositas aber keine Regelleistung der Krankenkassen. Das hat zur Folge, dass für hilfesuchende Patienten kaum eine strukturierte Grundversorgung vorhanden ist und empfohlene multimodale Therapieprogramme nicht flächendeckend verfügbar sind.

„Wir sehen die alltägliche Diskriminierung von Menschen mit Adipositas und die fehlenden Versorgungsstrukturen im Gesundheitssystem für Betroffene als zwei Seiten einer Medaille an – beide bedingen sich gegenseitig“, verdeutlicht Gerlach.  „Ein respektvoller verbaler und nonverbaler Umgang mit Betroffenen in Gesellschaft und Medien, Anerkennung der Diversität körperlicher Erscheinungsformen, aber auch Wahrnehmung gesundheitlicher Risiken  und therapeutische Hilfestellung für Menschen mit Adipositas gehören zusammen“, so die Ernährungswissenschaftlerin.

Über die Medien werden jedoch zu häufig abschätzige Botschaften, stigmatisierende Fotos, klischeehaftes, vorführendes Storytelling und simplifizierende „Lösungen“ zum Thema Adipositas verbreitet. Diese wirken  direkt und indirekt als Schuldzuweisungen und damit als zusätzliche Stressoren. Betroffene erleben es als  Belastung,  dass die Anforderungen zur Veränderung ihres Zustandes subjektiv ihre Bewältigungsmöglichkeiten übersteigen. Die Stigmatisierung eines hohen Gewichts kann so selbst zu ungesunden Verhaltensweisen und damit zu neuen Risikofaktoren führen, die das Übergewicht verschlimmern. Oft führen gewichtsbezogene Diskriminierungserfahrungen zur Verinnerlichung der stigmatisierenden Einstellungen mit Selbstabwertungen (Selbststigmatisierung), zu einer vermehrten Unzufriedenheit mit dem eigenen Körperbild und zu vermehrter Nahrungsaufnahme oder auch Essstörungsepisoden, die das Übergewicht weiter erhöhen. Oft verschlechtert sich das emotionale Wohlbefinden und verursacht depressive Verstimmungen, Angst, niedrige Selbstwertschätzung und sogar suizidale Tendenzen.

Die gesellschaftliche Stigmatisierung von Übergewicht, zu der Medien in vielfältiger Weise beitragen, hat daher entscheidende Konsequenzen sowohl für die physische als auch für die emotionale Gesundheit Betroffener. Sie ist der Schlüssel und die treibende Kraft für die Diskriminierung von Menschen mit Adipositas und trägt nachhaltig zur Aufrechterhaltung gesundheitlicher und sozialer Ungleichheiten bei.

Die gute Nachricht: Für Journalisten und Medienschaffende, die faire, angemessene und respektvolle Beiträge liefern wollen, hält der „Medienleitfaden Adipositas“ praktische Empfehlungen zur destigmatisierenden Kommunikation bereit hinsichtlich:
• Respektierung von Diversität und Vermeidung von Klischees
• Verwendung einer angemessenen Sprache/ Terminologie („Patient 1st“-Language“)
• Ausgewogene und angemessene Berichterstattung
• Respektvolle Darstellung auf Fotos/ in Videos (mit Checkliste)

Hier finden Sie den „Medienleitfaden Adipositas“ zum kostenlosen Download.

Weitere Quellen:
1. https://www.obesityday.worldobesity.org/world-obesity-day-2018
2. http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0017/351026/WeightBias.pdf

Pressestelle DAG:
Dr. Stefanie Gerlach
Mediensprecherin im Vorstand der Deutschen Adipositas-Gesellschaft e.V. (DAG)
Tel.: 0163/ 8534731
Email: pressestelle [at] adipositas-gesellschaft [dot] de

Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V. (DAG)
Geschäftsstelle
Waldklausenweg 20
81377 München
www.adipositas-gesellschaft.de

Kontakt IFB AdipositasErkrankungen::
Anja Landsmann
Universitätsmedizin Leipzig
Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen
Geschäftsführung
Philipp-Rosenthal-Straße 27, Haus M
04103 Leipzig
Tel.: + 49 (0)341 / 97-15941
Fax: + 49 (0)341 / 97-15949
E-Mail: anja [dot] landsmann [at] medizin [dot] uni-leipzig [dot] de
Web: www.ifb-adipositas.de

Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft e.V. (DAG) versteht sich als Fachgesellschaft von Wissenschaftlern und therapeutisch tätigen Experten, die sich dem Krankheitsbild Adipositas (starkes Übergewicht) widmen. Der gemeinnützige Verein hat sich vorrangig zum Ziel gesetzt, Forschung, wissenschaftliche Diskussion, Weiterbildung und wissenschaftlichen Nachwuchs im Bereich Adipositas zu fördern sowie Konzepte und Leitlinien zu Prävention, Diagnose und Therapie der Adipositas zu entwickeln. Neben der Veranstaltung von Fachtagungen engagiert sich die DAG berufspolitisch, forschungs-politisch und gesundheitspolitisch. Fachorgane der DAG sind die Zeitschriften "Adipositas" (Thieme Verlag) und "Obesity Facts" (Karger Verlag). Ein aktueller Tätigkeitsschwerpunkt der DAG ist es, Politik und Öffentlichkeit auf die „Public Health“-Aspekte der Adipositas hinzuweisen. Die DAG nimmt aktiv am Runden Tisch von Bundesministerin Julia Klöckner zur nationalen Reduktionsstrategie von Zucker, Salz und gesättigten Fetten in Fertigprodukten teil.
Eine Tochterorganisation der DAG ist die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) (www.a-g-a.de).
Die DAG ist Mitglied der International Association for the Study of Obesity (www.iaso.org), der European Association for the Study of Obesity (www.easoobesity.org) sowie Mitgliedsgesellschaft der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK) www.dank-allianz.de).

Das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen ist ein gemeinsames Zentrum der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig und des Universitätsklinikums Leipzig. Es wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Das IFB ist eng vernetzt mit vielen Kliniken und Instituten der Universitätsmedizin. Das IFB AdipositasErkrankungen ist ein Zentrum, das Forschung und Behandlung zu einem großen, gesellschaftlich relevanten, Krankheitsbild unter einem Dach vereint. In Leipzig steht Adipositas mit den Begleiterkrankungen Typ-2-Diabetes, Atherosklerose, Fettgewebestörung und Fettleber im Mittelpunkt. Durch die enge Verzahnung von grundlagenbezogener und der patientenbezogener Forschung werden in den nächsten Jahren Behandlungsmöglichkeiten entwickelt, die effektiver sind als die zurzeit verfügbaren. Die Forschung am IFB profitiert von der Vernetzung in Leipzig und bundesweit.