Auszeichnung für Forschung zur Binge Eating-Störung

Die 28-jährige Psychologin und IFB Forscherin Dr. Anne Brauhardt wurde von der größten internationalen Fachgesellschaft zur Erforschung von Essstörungen (Eating Disorders Research Society, EDRS, USA) mit dem „Best Student Abstract Award" ausgezeichnet.

Die Binge Eating-Störung (BES; Essanfalls-Störung) gehört zu den häufigsten Essstörungen. Bei adipösen Patienten liegt bei bis zu 30 Prozent diese Essstörung vor. (Foto: iStock/DrGrounds)
Dr. Anne Brauhardt mit dem "Best Student Abstract Award" der EDRS. (Foto: IFB Adipositas)

Der Preis wurde am 11. Oktober 2014 bei der Jahrestagung der EDRS in San Diego verliehen und würdigt Dr. Brauhardts Forschungsarbeit im Rahmen ihrer Dissertation. Als zentrales Thema untersuchte sie die therapeutische Adhärenz, also die enge Orientierung von Psychotherapeuten am Manual („Manualtreue“) zur Kognitiven Verhaltenstherapie bei der Binge Eating-Störung  in einer multizentrischen Studie (INTERBED-Studie).

Ein interessantes Ergebnis ihrer Untersuchungen war, dass sich trotz der genauen Vorgaben des Manuals, wiederholter Trainings im Rahmen der Studie sowie regelmäßiger E-Mail-Feedbacks zu den eigenen Sitzungen der Therapeuten, bedeutsame Unterschiede zwischen den Therapeuten zeigten. Deutlich wurde auch, dass die Manualtreue einen wesentlichen Einfluss auf die Güte der Beziehung von Therapeut und Patient hat.

Dr. Brauhardt sagt zu dem Preis: „Ich war überrascht über die Ankündigung, dass meine Arbeit von einem so hochrangigen Gremium wie dem EDRS ausgewählt wurde. Ich empfinde es als eine besondere Würdigung.“  Die junge Wissenschaftlerin beschreibt ihr Forschungsinteresse so: „Schon seit meiner Diplomarbeit und dann in meiner Dissertation beschäftigt mich besonders das Thema der Binge Eating-Störung (BES). Da knapp ein Drittel der Patienten mit dieser Essstörung auch einen BMI im Bereich von Übergewicht oder Adipositas aufweisen, hat die BES auch für die Behandlung der Adipositas im IFB eine hohe Bedeutung. Eine effektive Therapie der BES ist also sehr wichtig und gute Belege für die Wirksamkeit von Psychotherapie liegen vor. Aber über den Therapieprozess und seinen Einfluss auf den Therapieerfolg ist bisher wenig bekannt.“

Ein weiteres wichtiges Ergebnis ihrer Forschung ist, dass gezielte und längere Trainings von Therapeuten ratsam sein können, um etwaige Abweichungen vom Therapiemanual zu verhindern. Denn nur durch eine hohe Orientierung am Manual könnte in der Folge gewährleistet werden, dass die darin enthaltenen Behandlungsmaßnahmen zu einer Verbesserung der Symptome beim Patienten führen. Auch andere niedrigschwellige Behandlungsoptionen wie z. B. Internet-basierte Selbsthilfe können sinnvoll sein. Eine große Hürde für die Behandlung der BES ist, dass die Betroffenen sich zunächst das Problem eingestehen und therapeutische Hilfe suchen müssen. In Deutschland gibt es derzeit allerdings noch einen Mangel an spezifischen Therapieangeboten für die BES.

Vorrausetzung für den „Best Student Abstract Award“ der EDRS ist, dass die Anwärter sich zurzeit der Abstract-Einreichung in einem professionellen, postgradualen oder medizinischem Programm zur Promotion befinden. Das war bei Anne Brauhardt der Fall. Mittlerweile erhielt sie den Doktortitel durch den Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg und ihre Arbeit zu diesem Thema konnte bereits veröffentlicht werden (1). Weitere wichtige Publikationen von Dr. Brauhardt sind zwei systematische Übersichtsarbeiten zum Stand der Psychotherapieprozessforschung und deren Einflüsse auf den Erfolg von Psychotherapie bei Essstörungen (2)  sowie eine Arbeit zu den Einflüssen von Stigmatisierung und Selbstwert als Grundlagen der Binge Eating-Störung (3).

Die Eating Disorder Research Society ist eine hochrangige Expertenvereinigung. Eine Mitgliedschaft in der EDRS setzt eine bedeutsame Forschungsproduktivität sowie deutliche Beiträge zur Forschungsliteratur (mind. fünf Publikationen) voraus. Das jährlich veranstaltete Meeting der EDRS gilt dabei als wichtigstes Treffen international anerkannter Persönlichkeiten aus diesem Forschungsfeld, um neue Ergebnisse zu präsentieren und zu diskutieren. Prof. Anja Hilbert, die Leiterin des Forschungsbereichs Verhaltensmedizin am IFB AdipositasErkrankungen, förderte die Arbeit von Anne Brauhardt und brachte sie im EDRS ein. Dr. Brauhardt präsentierte ihre Ergebnisse bei der 20. Jahrestagung der EDRS.

Highlights der Tagung waren die Beiträge von international herausragenden Psychotherapieforschern wie Alan Kazdin von der Yale University (USA) zur Dissemination von evidenz-basierter Psychotherapie sowie von Helena Kraemer von der Stanford University (USA) zu statistischen Problemen in der Auswertung von Ergebnissen aus Psychotherapiestudien.

Publikationen:

(1)   Brauhardt, Anne; de Zwaan, Martina; Herpertz, Stephan; Zipfel, Stephan; Svaldi, Jennifer; Friedrich, Hans-Christoph; Hilbert, Anja: Therapist adherence in individual cognitive-behavioral thearpy for binge-eating disorder: Assessment, course, and predictors.Behaviour Research and Therapy, Volume 61, October 2014, Pages 55–60    DOI: 10.1016/j.brat.2014.07.014

(2)   Brauhardt, Anne; de Zwaan, Martina; Hilbert, Anja. The therapeutic process in psychological treatments for eating disorders: A systematic review. Int. J. Eat. Disord., Volume 47, Issue 6, pages 565–584, September 2014.       DOI: 10.1002/eat.22287      (Deutsche Publikation)

(3)   Brauhardt, Anne; Rudolph, Almut; Hilbert, Anja. Implicit cognitive processes in binge-eating disorder and obesity. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, Volume 45, Issue 2, June 2014, pages 285-290.    DOI: 10.1016/j.jbtep.2014.01.001
 

Schlüsselwörter: Essstörungen, IFB-Forschung

Doris Gabel