Gesundheitsbelastung durch Adipositas bei Kindern und Jugendlichen durch Therapie abbaubar

Leipziger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Dr. Susann Blüher erhalten eine Auszeichnung bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin für Forschungsergebnisse zur Wirkung von gezielter Adipositastherapie bei jungen Patienten.

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(Foto: iStock/pojoslaw)

Starkes Übergewicht hat bereits bei Kindern und Jugendlichen gesundheitliche Folgen. So ist z. B. bei adipösen 7- bis 18-Jährigen im Vergleich zu normalgewichtigen die Aktivität des autonomen Nervensystems beeinträchtigt (1). Dies fanden Dr. habil. Susann Blüher vom IFB AdipositasErkrankungen, Dr. Petra Baum von der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig und ihr Forschungsteam heraus. Das autonome Nervensystem reguliert u. a. die inneren Organe, Kreislauf und Stoffwechsel. Dr. Blüher warnt, dass „die Schädigung des autonomen Nervensystems bei adipösen Kindern schleichend beginnt, noch bevor z. B. der Zuckerstoffwechsel beeinträchtigt ist oder weitere Komplikationen auftreten. Diese Kinder sind somit kränker, als wir bisher angenommen haben.“ Studien wiesen außerdem nach, dass bauchbetontes Übergewicht schon bei Jugendlichen das Risiko für Stoffwechsel- und Herzkreislauferkrankungen deutlich erhöht (2). Dies zeigt sich u. a. in erhöhten Insulin-, Leber- oder Harnsäurewerten.

Angesichts dieser erschreckenden Erkenntnisse zur Gesundheitsbelastung durch Adipositas bei jungen Menschen untersuchten Dr. Blüher und ihre Kolleginnen und Kollegen*, ob sich diese veränderten Werte im Verlauf einer Adipositastherapie mit gesunder Ernährung und viel Bewegung wieder normalisieren. 31 adipöse Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre nahmen am einjährigen zertifizierten Adipositas-Therapieprogramm „KLAKS“ teil. KLAKS steht für „Konzept Leipzig: Adipositastherapie für Kinder im Schulalter“.

Der Schwerpunkt des Programms liegt auf vermehrter Bewegung. Die Jungen und Mädchen waren 2,5 Stunden pro Woche körperlich aktiv. Darüber hinaus gab es regelmäßige Ernährungs- und Verhaltenstrainings. Am Anfang und Ende der Studie wurden die Teilnehmer untersucht. Dazu gehörten auch Tests zur autonomen Nervenfunktion, die u. a. die Veränderung der sympathischen und parasympathischen Regulation messen – also die anregenden und dämpfenden Reize im autonomen Nervensystem (Herzschlagfrequenz, Reaktion der Pupille nach Lichtreiz). 

Es zeigte sich, dass Body-Mass-Index, Taillenumfang und Körperfettgehalt innerhalb des Therapiejahres geringer wurden und Stoffwechselwerte sich verbesserten (Blutzucker- und Blutfettwerte). Auch die Geschwindigkeit, mit der die Pupillen auf Lichtreize reagieren, vergrößerte sich. Dies spricht für eine wieder verbesserte Funktion des autonomen Nervensystems.

Die Ergebnisse der jüngsten Untersuchung weisen also darauf hin, dass eine umfassende Lebensstilveränderung zur Therapie einer Adipositas, die mit Gewichtsreduktion und Verbesserung der Stoffwechselwerte (metabolisches Profil) bei adipösen Kindern und Jugendlichen einhergeht, bestehende Funktionsbeeinträchtigungen des autonomen Nervensystems stabilisieren oder gar verbessern kann. „Dies ist nicht allein mit dem Gewichtsverlust zu erklären, denn die Werte verbesserten sich auch bei geringer Gewichtsabnahme. Wir gehen davon aus, dass sich bereits durch die positive Veränderung des metabolischen Profils die autonome Nervenfunktion wieder verbessern lässt." Bereits in früheren Untersuchungen konnten die Leipziger Forscherinnen und Forscher zeigen, dass sich eine bewegungsbetonte Adipositastherapie günstig auf Stoffwechsel und erhöhte Entzündungswerte auswirken (3,4).

Es lohnt sich also, früh gegen eine Adipositas aktiv zu werden, bevor sich erste Symptome zu einer Erkrankung auswachsen und z. B. ein veränderter Zuckerstoffwechsel zu einem Typ-2-Diabetes wird. Für die jüngsten Forschungsergebnisse wurde der Beitrag der Leipziger ForscherInnen* bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ, Sep. 2014) unter rund 500 Mitbewerbern ausgewählt und als bester Kongressbeitrag ausgezeichnet.

*Dr. Susann Blüher (1); Dr. David Petroff (1,2) ; Dr. Alexandra Keller (3) ; Dr. Antje Wagner (4)  Dr. Joseph Classen (5), Dr. Petra Baum (5) wurden ausgezeichnet.

1  Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen, Universität Leipzig
2  Zentrum für Klinische Studien, Universität Leipzig
3  Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Leipzig
4 KLAKS e.V., Leipzig
5  Department für Neurologie, Universitätsklinikum Leipzig

Quellen / Publikationen:

(1) Baum P, Petroff D, Classen J, Kiess W, Blüher S. Dysfunction of autonomic nervous system in childhood obesity: a cross-sectional study. PLoS One. 2013;8(1):e54546.

(2) Blüher S, Molz E, Wiegand S, Otto KP, Sergeyev E, et al.; for the APV Initiative and the German Competence Net Obesity. Body Mass Index, Waist Circumference, and Waist-to-Height-Ratio as Predictors of Cardiometabolic Risk in Childhood Obesity Depending on Pubertal Development. J Clin Endocrinol Metab. 2013 Aug;98(8):3384-93.

(3) Blüher, S., Panagiotou, G., Petroff, D., Markert, J., Wagner, A., et al. Effects of a 1-year exercise and lifestyle intervention on irisin, adipokines, and inflammatory markers in obese children. Obesity 2014. doi: 10.1002/oby.20739

(4) Blüher S, Petroff D, Wagner A, Warich K, Gausche R, et al. The one year exercise and lifestyle intervention program KLAKS: Effects on anthropometric parameters, cardiometabolic risk factors and glycemic control in childhood obesity. Metabolism 2014 (63): 422-443.

Weitere Informationen zum KLAKS-Programm bietet www.klaks.de.

Schlüsselwörter: IFB Forschung, Prävention, Adipositasbehandlung, Kinder & Jugendliche

Doris Gabel