Aufwachsen mit zu vielen Kilos

15 Prozent der Kinder und Jugendliche hierzulande haben gemäß einer großen Studie Übergewicht. Ursachen gibt es viele - Lösungsansätze aber wenige.

Foto: iStock/Tatiana Mironenko

Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen ist ein wachsendes Problem in Deutschland. Laut einer großen bundesweiten Studie (KiGGS) sind rund 1,9 Millionen Kinder und Jugendliche zwischen drei und 17 Jahren übergewichtig. Davon sind rund 800.000 der Jungen und Mädchen sogar krankhaft übergewichtig, also adipös.

Die KiGGS-Studie

Die KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts untersuchte die körperliche und seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. KiGGS steht für Kinder- und Jugendgesundheitssurvey. Auftraggeber war das Bundesministerium für Gesundheit. Die Studie wurde von Mai 2003 bis Mai 2006 durchgeführt. In 167 Studienorten wurden 17.641 junge Menschen bis 17 Jahre untersucht. Es ging vor allem um körperliche Beschwerden, chronische Krankheiten und die psychische Gesundheit. Dank der Studie gibt es nun erstmals bundesweit repräsentative Daten.

In Deutschland haben gemäß der KIGGS-Studie 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 3 und 17 Jahren Übergewicht. Bestimmt wird das Übergewicht anhand des Body-Mass-Index und den so genannten Perzentilen-Kurven für Kinder und Jugendliche. Es gibt hierzulande 1,9 Millionen übergewichtige Mädchen und Jungen. Verglichen mit den Referenzwerten von 1985 bis 1999 liegt ein Anstieg um 50 Prozent vor. Rund sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen sind sogar adipös. Das bedeutet, dass rund 800.000 der 1,9 Millionen jungen Menschen krankhaft übergewichtig oder adipös sind.

Der Anteil adipöser Kinder und Jugendlicher hat sich im Vergleich zu den Referenzwerten von 1985 – 1999 verdoppelt. Der Anteil der übergewichtigen Kinder steigt mit dem Alter: während neun Prozent der Drei- bis Sechs-Jährigen zu viel Gewicht haben, sind es bei den Sieben- bis Zehn-Jährigen bereits 15 Prozent, und bei den 14- bis 17-Jährigen schließlich 17 Prozent. Das bedeutet, dass sich die Adipositasrate bei Jugendlichen ab 14 Jahren verdreifacht hat.

Was sind die Ursachen von Übergewicht bei Kindern und Teenagern

Wie die 3- bis 17-Jährigen leben, ist bei der Frage nach den Ursachen für Übergewicht ein entscheidender Punkt. In Familien mit einem niedrigeren Einkommen oder niedrigem Bildungsstand ist Übergewicht häufiger anzutreffen. Auch Kinder aus Migrantenfamilien leiden häufiger an Adipositas. Ein hoher Medienkonsum war gemäß der Studie ebenso mit einer höheren Übergewichtsrate verbunden. Natürlich gibt es auch noch weitere Einflussfaktoren für Übergewicht. Wenige körperliche Aktivitäten und ungesunde Ernährung sind wahrscheinlich die bekanntesten Ursachen. Doch auch Probleme in der Familie, wie fehlende Betreuung nach der Schule und ein niedriger Familienzusammenhalt können Übergewicht begünstigen.

Neben den Lebensbedingungen spielt auch die genetische Veranlagung eine Rolle bei Adipositas. So ergab die Studie, dass Kinder, deren Mütter übergewichtig oder adipös sind, häufiger an Adipositas leiden.

Die Folgen von Übergewicht sind vielfältig. Die frühen Symptome der Begleiterkrankungen der Adipositas sind auch schon bei Kindern und Jugendlichen zu finden, z. B. von Fettstoffwechsel- oder Zuckerstoffwechselstörungen, Diabetes und Bluthochdruck. Außerdem haben viele junge Übergewichtige mit Hänseleien und Vorurteilen zu kämpfen.

Was tun gegen Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen?

Da rund 80 Prozent der übergewichtigen Kinder auch im Erwachsenenalter zu viele Kilos auf die Waage bringen, ist es wichtig, früh einzugreifen. Daher fordert ein Großteil der Bevölkerung politische Maßnahmen. So gab es Überlegungen, ungesunde und stark kalorienhaltige Lebensmittel extra zu besteuern. Im Gegenzug sollten gesunde Lebensmittel steuerlich entlastet werden, um eine gesündere Ernährung zu fördern. Diese Maßnahme soll vor allem vor Übergewicht und Typ-2-Diabetes schützen, der häufigsten Begleiterkrankung der Adipositas. Bisher ist eine solche Steurer umstritten und konnte nicht umgesetzt werden.

Viele Deutsche wünschen sich außerdem Veränderungen in Schulen und Kindergärten: z. B. mehr Sport, Unterricht zur gesunden Lebensführung, eine verbesserte Essensverpflegung und die Abschaffung des Verkaufs von Süßigkeiten und zuckerhaltigen Getränken. Angemahnt wird auch Unterricht zu einem kritischen Umgang mit den Medien.

Auch die Lebensmittelindustrie könnte zur Prävention beitragen. Hilfreich wären etwa verständlichere Nährwertangaben auf Lebensmitteln und weniger Werbung, die auf Kinder und Jugendliche abzielt.

Ebenso können die Kommunen durch den Bau von Sportstätten helfen. Dies ist besonders in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil wichtig.

Politiker und Mediziner rufen indessen zu gesamtgesellschaftlichen Anstrengungen auf, um der Adipositas Einhalt zu gebieten. So schreibt z. B. Dirk Schnack in der „Ärztezeitung“ vom 15.11.2013, dass gemeinsame, geeignete Präventions- und Therapiemaßnahmen entwickelt werden müssten: „Nur Taten überzeugen! Ein runder Tisch wie in diesem Jahr in Schleswig-Holstein kann nur der Anfang sein – jetzt müssen konkrete Schritte folgen“.

Dabei ist es klar, dass sich das Essverhalten einer ganzen Familie Schritt für Schritt ändern muss, um einem übergewichtigen Kind zu helfen. Kurzfristige Diäten hingegen sind bei Kindern – genau wie bei Erwachsenen – keine Lösung. Um dabei zu helfen, bietet das Universitätsklinikum Leipzig in Kooperation mit dem IFB Adipositas- Erkrankungen den Betroffenen und ihren Familien Beratung und Behandlungen in der AdipositasAmbulanz für Kinder und Jugendliche.

Seit vielen Jahren behandelt das Uniklinikum Leipzig adipöse Kinder und Jugendliche (Foto: IFB Adipositas).

Das IFB erforscht derzeit in über 60 Studien die Entstehung und Therapie der Adipositas, um zukünftig bessere Behandlungen entwickeln zu können.

Weitere Informationen bieten:
http://www.kiggs-studie.de/
http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/kiggs-studie-des-rki-so-gesund-sind-kinder-in-deutschland-a-976816.html
http://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Studien/Kiggs/Kiggs_w1/Eckdatenpapier.pdf
http://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2014-06/kiggs-studie-gesundheit-kinder-jugendliche-deutschland

Jonathan Fasshauer