Warum Übergewicht noch mehr Pfunde begünstigt

Das menschlichen Fettgewebe ist mitverantwortlich dafür, dass die Kiloanzeige auf der Waage und das Erkrankungsrisiko weiter steigen.

Foto: IFB Adipositas

Im Geo-Magazin vom April 2014 berichtet Susanne Paulsen in der sehr interessanten Titelgeschichte „Die Macht der Masse“ über das Phänomen, dass Übergewicht durch verschiedene körperliche Mechanismen oft zu noch mehr Übergewicht führt – also ein Teufelskreislauf entsteht. Als Experten für starkes Übergewicht (Adipositas) standen ihr für den Bericht auch Wissenschaftler des IFB AdipositasErkrankungen Rede und Antwort.

Lange galt das Fettgewebe lediglich als Speicherorgan von überschüssig aufgenommenen Kalorien, das es dem Körper erlaubt einen Energievorrat anzulegen und bei Bedarf Fett zu verbrennen. Heute wissen Ärzte und Wissenschaftler, dass unser Fettgewebe kein passives Energiedepot ist, sondern wie eine große Hormondrüse in unseren Stoffwechsel eingreift. Paulsen vergleicht das Fettgewebe mit einer „kiloschweren Chemiefabrik“. Die Autorin erklärt, dass das Fettgewebe über Fettgewebshormone, die Adipokine,  „mit nahezu allen Organen – selbst dem Gehirn“ kommuniziert. Nach der Entdeckung des Fettgewebshormons Leptin 1994 wurden noch viele weitere gefunden, z. B.  Adiponectin, Vaspin, Chemerin, Apelin oder Progranulin. Am IFB AdipositasErkrankungen in Leipzig widmet sich ein Forschungsbereich diesen speziellen Hormonen. Prof. Mathias Fasshauer erläutert, „dass mittlerweile weltweit an einer dreistelligen Zahl von Adipokinen geforscht wird. Therapiestrategien, bei denen die Signalwege von Adipokinen wie Leptin, Adiponectin und Adipocyte Fatty Acid-Binding Protein gehemmt oder aktiviert werden, können bereits jetzt im Mausmodell den Verlauf von Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen günstig beeinflussen. Allerdings ist es bis zur Anwendung dieser Therapien beim Menschen noch ein weiter Weg.“

Wie stark Übergewicht und Adipokine das Essverhalten beeinflussen, zeigt sich an Leptin. Seine Aufgabe ist eigentlich, dem Körper zu signalisieren, dass man satt ist und die Energiespeicher voll sind. Bei Übergewichtigen sei „das Gehirn von Leptin überflutet“ und reagiere „nach und nach nicht mehr auf dieses Sattheitssignal“, so Paulsen.  Die Menschen verspüren also Hunger und essen weiter, obwohl genügend Energiereserven da sind. Ein Nachlassen der Hormonwirkung beobachten Ärzte auch bei Insulin. Seine Aufgabe ist hauptsächlich Glukose, also Zucker, abzubauen, um Energie zu gewinnen. Durch eine zuckerlastige Ernährung produziert die Bauchspeicheldrüse vermehrt Insulin, doch die Körperzellen reagieren langfristig immer weniger darauf – eine Insulinresistenz entsteht. Hohe Insulinspiegel im Blut verstärken aber das Hungergefühl des Menschen und verleiten ihn zum Weiteressen.

Neben diesen Mechanismen, die zur Überernährung beitragen, gibt es noch weitere krankmachende Prozesse. Besonders das bauchbetonte Übergewicht wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Viel Bauchfett, auch viszerales Fett genannt, erhöht das Risiko für Diabetes mellitus (Typ 2), Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Es fördert außerdem Entzündungsprozesse im Körper, die wiederum mit Gefäßerkrankungen und Krebs in Verbindung gebracht werden. Die Ursache für die Entzündungsreaktion im viszeralen Fett ist noch nicht ganz klar. Eine Rolle scheint die starke Vergrößerung der Fettzellen zu spielen. Durch die Einlagerung von Fett verschlechtert sich die Durchblutung, was zu „Zell-Stress“ führt. Dadurch nähmen Immunzellen wie Makrophagen im Fettgewebe stark zu und unterhielten die Entzündungsreaktion weiter, so die Geo-Autorin.

Das Tückische ist, dass auch Menschen mit mildem Übergewicht besonders viel viszerales Fett aufweisen können. Sie haben dann ein stark erhöhtes Erkrankungsrisiko, ohne dies zu wissen und ohne als Risikogruppe erkannt zu werden. Durch eine Magnet-Resonanz-Tomografie (MRT) wird das viszerale Fett zwar sichtbar, doch wäre eine so aufwändige Untersuchung nicht für alle Übergewichtigen machbar, erklärt Prof. Matthias Blüher, Forscher am IFB AdipositasErkrankungen und behandelnder Arzt in der AdipositasAmbulanz. „Wir erforschen, ob bestimmte Fettgewebshormone im Blut auf eine vermehrte viszerale Fettmasse schließen lassen und eine Fehlfunktion des Fettgewebes anzeigen. Fettgewebshormone könnten in Zukunft nicht nur bedeutsame Marker für drohende Begleiterkrankungen der Adipositas, sondern auch Teil neuer Therapiestrategien sein.“

Susanne Paulsens informativer Bericht trägt in gut verständlicher Weise zur Einsicht bei, dass Übergewicht nicht nur als „Schuld“ der Betroffenen zu sehen ist. Er zeigt, welche Faktoren in unserer Umwelt aber auch in uns selbst Gewichtszunahmen begünstigen.

Schlüsselwörter: Adipositasursachen, Folgeerkrankungen, IFB-Forschung