Experten diskutierten das Thema Essstörungen in Leipzig

Neue Therapieansätze können Patienten helfen, die infolge von Essstörungen adipös wurden.

Foto: IFB Adipositas
Der DGESS-Kongress fand an der Universität Leipzig statt.

Über 250 Besucher aus Deutschland und Europa haben am 4. Wissenschaftlichen Kongress der Deutschen Gesellschaft für Essstörungen DGESS im März in Leipzig teilgenommen. Mit über 80 Einzelveranstaltungen in 3 Tagen und über 30 wissenschaftlichen Postern rund um die Themen Magersucht, Bulimie, Essanfallsstörung und Adipositas hatten die Kongressteilnehmer die Qual der Wahl. Die Rückmeldungen zum Kongress fielen sehr positiv aus. Einblicke in interessante Inhalte der Fachveranstaltung gibt Anja Hilbert, Professorin für Verhaltensmedizin am IFB AdipositasErkrankungen und Präsidentin der DGESS:

Frau Prof. Hilbert, gibt es neue Behandlungsansätze bei der Essanfallsstörung, also dem Binge-Eating? Diese Essstörung hat häufig Übergewicht zur Folge.

Es gibt z. B. Internet-basierte Therapien, wie sie Frau Prof. Anette Kersting vorstellte, die die Essstörungssymptomatik bei Patienten mit der Binge-Eating-Störung positiv verändern. Diese Therapieform kann potenziell viele Betroffene erreichen. Frau Prof. Martina de Zwaan stellte eine gerade abgeschlossene multizentrische Therapiestudie für die Binge-Eating-Störung vor, in der internetbasierte Selbsthilfe, d. h. ein niederschwelliger Behandlungsansatz, und kognitive Verhaltenstherapie als Goldstandard miteinander verglichen werden. Letztere Studie, die auch in Leipzig durchgeführt wurde, befindet sich gerade in der Auswertung.

Gibt es neue Erkenntnisse im Bereich Adipositas?

Interessant war z. B. der Ansatz von Frau Prof. Denise E. Wilfley von der Washington University in St. Louis zum „social facilitation maintenance treatment“ bei adipösen Kindern nach einer Gewichtsreduktionstherapie. Dabei geht es um die Stärkung des sozialen Netzwerks und der familiären Unterstützung des Kindes. Dieser Ansatz weist auf eine vielversprechende Möglichkeit hin, langfristig den erzielten Gewichtsverlust zu erhalten oder eine weitere Gewichtsreduktion zu bewirken, besonders bei größerer Intensität des Programms. Wir haben den Ansatz auf deutsche Verhältnisse und auf Erwachsene übertragen. Er wird im Rahmen unserer STERN-Studie derzeit evaluiert.

Ein Fokus des Kongresses lag auf Essstörungen bei Kindern und älteren Erwachsenen. Wie können Essstörungen bei diesen Gruppen früher erkannt und behandelt werden?

Das ist insgesamt leider noch schwierig. Im frühen Kindesalter fehlt es an validierten Messinstrumenten und die diagnostischen Kriterien sind unscharf oder zu breit gefasst. Am meisten ist bekannt über das Übergewichts-assoziierte „loss of control eating“, also einem Kontrollverlust beim Essen, im mittleren Kindesalter. Aber auch hier kann man noch keine klare Diagnose stellen, weil es keine kindspezifischen Diagnosekriterien gibt, die validiert und allgemein anerkannt sind. Im höheren Lebensalter erschwert das Vorliegen von Erkrankungen neben "normalen" Alterungsprozessen - also Veränderungen z. B. bei Hunger- und Sättigungsregulation, Ess- und Bewegungsverhalten - die Einschätzung, ob eine Essstörung vorliegt oder nicht. Figur- und gewichtsbezogene Sorgen, ein gezügeltes Essverhalten und andere Essstörungsmerkmale werden jedoch auch im höheren Erwachsenenalter - besonders bei Frauen - gefunden, jedoch seltener als im mittleren oder jungen Erwachsenenalter.

Ein Symposium des Kongresses widmete sich dem Thema Adipositas-Chirurgie. Welche Rolle spielen Essstörungen vor und nach einem bariatrischen Eingriff?

Studien zeigen zunehmend, dass Essstörungen vor einem bariatrischen Eingriff den Behandlungserfolg nach der Operation nicht vorhersagen. Jedoch sagt ein Wiederauftreten oder ein neues Auftreten von Essstörungen nach der Operation einen ungünstigen Gewichtsverlauf vorher. Weil ein Zusammenhang zwischen prä- und postbariatrischen Essstörungen besteht, ist es wichtig, diese zumindest nach dem Eingriff zu identifizieren und zu behandeln, besser wären jedoch früher ansetzende Behandlungsmaßnahmen.

Prof. Anja Hilbert ist Präsidentin des DGESS und leitete den Kongress der Fachgesellschaft 2014.

Frau Prof. Hilbert, vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Doris Gabel.

Weitere Informationen zu Essstörungen und zur Rolle der Familie sowie zu Behandlungsangeboten gibt es auf der IFB-Webseite.

Schlüsselwörter: Adipositasbehandlung, Psyche