Zwiespalt in Nahrungsmittelbranche und Politik beim Thema Adipositas

Das Wirtschaftsmagazin "The Economist" diskutiert in einem Special Report zu Adipositas die Rolle von Regierungen und Nahrunsgmittelindustrie.

Das britische Wirtschaftsmagazin „Economist“ sieht die Entwicklungen in der Nahrungsmittelproduktion und in der Gesundheitspolitik kritisch. Die Zunahme der Adipositas ist mit halbherzigen Maßnahmen nicht aufzuhalten, so der Special Report Obesity des „Economist“. (Wie der "Economist" die globalen Entwicklungen der Adipositas beurteilt, erfahren Sie im vorangegangenen 'Aktuellen Thema': "Adipositas - ein weltweites Problem".)

Wenn Essen dick macht

Vor allem die Entwicklungen im Ess- und Trinkverhalten in vielen Ländern haben die Zahl der Adipösen anwachsen lassen. So ist etwa der Konsum von verpackten Lebensmitteln und Fertigprodukten im vergangenen Jahrzehnt weltweit um 92 Prozent gestiegen (Euromonitor). Im Gegensatz zu selbst gekochten, frischen Nahrungsmitteln stehen diese im Verdacht zu kalorienreich zu sein. Weltweit wurden außerdem in den vergangenen zehn Jahren doppelt soviel Limonaden wie z. B. Cola getrunken als zuvor. In den USA gehen Wissenschaftler davon aus, dass 20 Prozent der Gewichtszunahmen in der Bevölkerung allein auf diese süßen Getränke zurück­gehen. Unternehmen wie Coca Cola oder McDonalds stehen also unter Beschuss durch Ärzte und Ernährungsfachleute.

Zum einen fühlen sich Lebensmittelriesen wie Nestle oder Kraft dem Gewinnstreben ihrer Aktionäre verpflichtet, zum anderen können sie sich der Diskussion um Adipositas aber nicht verweigern. Bisher reagieren sie aber eher halbherzig. Die Entwicklung neuer, gesünderer und kalorienärmerer Getränke und Lebensmittel läuft schleppend; Vorgaben durch die Regierungen für gesündere Lebensmittel haben sie kaum zu fürchten. Letztlich ist nämlich auch Cola nicht gesundheitsschädlich, sofern man nicht zu viel davon trinkt.

Indessen entstehen fragwürdige Kooperationen, wie etwa zwischen Nestle und der Inter­nationalen Diabetes Föderation (IDF): Die Prävention und Aufklärung zu Diabetes soll gemeinsam verstärkt werden. Ob die Anstrengungen für gesündere Produkte auch ärmere und Schwellenländer erreichen, bleibt abzuwarten. Letztlich geht die Macht vom Verbraucher aus, der die Wahl zwischen den verschiedensten Lebensmitteln hat. Die Kritik an McDonalds und Filme wie „Supersize me“ haben allerdings keine Einbrüche in den Verkaufszahlen des Unternehmens verursacht. Offensichtlich sind die Konsumenten noch zu wenig sensibilisiert.

Sollte die Politik gegen Adipositas aktiv werden?

Vor allem in den USA ist die goldene Regel, dass sich die Regierung aus dem Privatleben der Leute heraushält. Was passiert aber, wenn immer mehr Menschen krank werden und die Krankheitskosten letztlich die gesamte Bevölkerung belasten? In den USA gehen Forscher von rund 40 Prozent höheren Gesundheitskosten für adipöse gegenüber normal­gewichtigen Menschen aus.

Befürworter von politischen Maßnahmen gegen Übergewicht führen die erfolgreichen Anti-Raucher-Kampagnen mit Warnhinweisen und Rauchverboten ins Feld, die tatsächlich die Zahl der Zigarettenkonsumenten deutlich senkten. Fraglich ist, wie diese auf Lebensmittel übertragbar wäre, denn Essen ist für Menschen überlebenswichtig. Viele Regierungen fördern bereits Aufklärungsmaßnahmen und Gesundheitsprogramme für eine bessere Ernährung und mehr Bewegung. Häufig setzen diese in Schulen an. Auch Kranken­versicherungen bieten Anreize zum Abnehmen an. Verbote von Lebensmitteln oder Strafen für Übergewicht werden gescheut, sie wären auch sehr aufwändig in der Umsetzung. Ob Werbung für einen gesünderen Lebensstil Früchte zeitigen würde, ist fraglich. Bereits heute gibt es unzählige Gesundheitsmedien und Schlankheit ist das unbestrittene Schönheitsideal.

Unklar bleibt außerdem, ob etwa die Kennzeichnung von Lebensmitteln mit Angabe von Fett- und Kaloriengehalt die Verbraucher positiv beeinflusst. Die Lebensmittelampel, wie sie in Deutschland lange diskutiert wurde, erwies sich als politisch nicht durchsetzbar. Vorgaben für Schulküchen wie etwa in Brasilien, die besagen, dass 70 Prozent der Speisen aus frischen oder wenig verarbeiteten Nahrungsmitteln bestehen müssen, scheinen hingegen sinnvoll und nachahmenswert.

New York City sticht derzeit mit seinen Maßnahmen gegen Übergewicht hervor. Ob kleinere Softdrink-Größen, mehr Radwege oder Kalorientabellen in Restaurants die Metropole gesünder machen, bleibt abzuwarten. In der First Lady Michelle Obama finden diese Maß­nahmen eine große Fürsprecherin. In Deutschland hat das Thema Adipositas noch keine vergleichbar prominenten Kämpfer gefunden.

Weitere politische Maßnahmen, die auf die Preise zielen und fettiges Essen z. B. über extra Steuern teurer machen, sind umstritten. In Dänemark wurde die Fettsteuer bereits nach einem Jahr wieder abgeschafft. So wird aber auch das Problem weiter bestehen, dass gerade kalorienreiche, ungesunde Speisen wie Fast Food billig sind.

Es bleibt fraglich, ob Politiker im Kampf gegen Adipositas viel ausrichten können in einem demokratischen und marktwirtschaftlichen System. Die Komplexität des Problems ruft nach einem gesamtgesellschaftlichen Ansatz, in dem Wissenschaftler, Ärzte, Politiker, Lehrer und weitere einflussreiche Gruppen gemeinsam aktiv werden müssen. Das fordert für Deutsch­land die Nationale Adipositas-Allianz, bestehend aus IFB, Kompetenznetz Adipositas und Nationalem Genom-Forschungsnetz Obesity (am Helmholtz-Zentrum München).

Review von Doris Gabel

Schlüsselwörter: Ernährung & Diäten, Gesundheitspolitik