Adipositas – ein weltweites Problem

Das renommierte britische Wirtschaftsmagazin „The Economist“ widmet dem Thema Adipositas einen interessanten Special Report.

Das Sonderheft des "Economist" vom Dezember 2012 geht auf die weltweiten Entwicklungen bei krankhaftem Übergewicht (Adipositas) ein, auf die Nahrungsmittelindustrie sowie die Problemlösungs­versuche von Pharmaunternehmen und Regierungen. Das IFB berichtet in diesem und dem nächsten „Aktuellen Thema“ über die interessanten Analysen des Wirtschaftsmagazins:

Wächst die Wirtschaft, so wachsen die Bäuche

Gewöhnt haben wir uns schon an die erschreckenden Zahlen zum Thema Übergewicht und Adipositas. Sie kommen erwartungsgemäß aus den USA: Zwei Drittel der Amerikaner sind übergewichtig und 36 Prozent der Erwachsenen adipös, ebenso 17 Prozent der Kinder. Deutschland steht diesen Zahlen gemäß der jüngsten Studie des Robert-Koch-Instituts (DEGS) wenig nach: 67 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen hierzulande sind übergewichtig und rund 23 Prozent bei beiden Geschlechtern sind adipös. Krankhaft über­gewichtig sind rund 7 Prozent der Kinder und Jugendlichen. Den größten Adipositas-Anstieg verzeichnet bei Männern wie Frauen die Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen – also die jungen Leute, die mit Computer und vielen Unterhaltungsmedien aufgewachsen sind. Frank­reich und die Schweiz sind etwas schlanker, während es in der britischen Bevölkerung rund 25 Prozent adipöse Menschen gibt. 

Die Zunahme an übergewichtigen Menschen ist aber längst nicht nur ein amerikanisches und europäisches Problem sondern ein weltweites: Studien zeigten, dass 2008 rund um den Globus etwa 1,5 Milliarden Menschen übergewichtig oder adipös waren. Nicht einmal ein halbes Menschenleben zuvor, nämlich1980 war es nur etwa die Hälfte davon. Bis 2030 rechnen Forscher der Tulane University (USA) mit 3,3 Milliarden Übergewichtigen weltweit.  

Zu den Adipositas-Spitzenreitern gehören auch die pazifischen Inseln, Mexico und die Golf­staaten; Brasilien, China und Südafrika holen kräftig auf. Auch in vielen Entwicklungsländern liegt die Rate übergewichtiger Frauen bereits über der Rate untergewichtiger. Besonders auffällig ist der Zusammenhang zwischen der wachsenden Wirtschaftskraft eines Landes und einem zunehmenden Körpergewicht in der Bevölkerung. Besonders gefährdet für die Entwicklung krankhaften Übergewichts sind vor allem Kinder unterernährter Mütter, also gerade die neuen Generationen in Schwellenländern. 

Wenig Erfolg in der Therapie von Übergewicht

Die Evolution hat den Menschen zu sehr guten Kalorienverwertern gemacht, die Hungers­nöten trotzen. Dieser Überlebensvorteil hat sich zum Nachteil entwickelt und zu den besagten Übergewichtszahlen geführt. Selbst wenn es Menschen gelingt abzunehmen, sind noch Jahre nach dem Gewichtsverlust die Spiegel des Hunger-signalisierenden Hormons Ghrelin erhöht und der Spiegel des Sattheits-Hormons Leptin erniedrigt, so die Studien von Joseph Proietto von der University of Melbourne (Australien). Der Körper arbeitet also scheinbar Jahre lang daran, „sein“ Gewicht wieder herzustellen.

Verschiedene Gene sind so programmiert, dass der Körper Energiereserven anlegt und Gewichtsverluste abwehrt, nicht aber schädliche Gewichtszunahmen. In vielen Ländern zeigt sich aber jenseits der Biologie mit ihren Genen und Hormonen, dass Bildung die Chance auf ein gesundes Körpergewicht erhöht. Da es noch keine wirksame Adipositastherapie gibt, ist Bildung und Wissen um eine gesunde Lebensführung also der größte Schlüsselfaktor, den es zu beeinflussen gilt. 

Natürlich haben auch Pharmaunternehmen die Zeichen der Zeit erkannt und nun nach einer langen Pause 2012 wieder zwei Abnehm-Präparate auf den amerikanischen Markt gebracht. Nur ein Mittel schaffte es auch auf den deutschen Markt – der Appetitzügler Lorcaserin (Belviq™). Die Wirkung ist allerdings bescheiden; der Gewichtsverlust über den Diäteffekt hinaus soll nach Herstellerangaben insgesamt bei etwa 3 – 4 Prozent des Körpergewichts liegen. Dieses Mittel wird also ebenso wenig wie Orlistat, ein Medikament, das die Fettauf­nahme im Darm reduziert, die starke Zunahme der Adipositas bekämpfen können.  Auch die Fortschritte in der Adipositaschirurgie sieht der „Economist“ nicht als Lösung der Adipositas-Krise.

Hoffnungen setzen die Autoren eher in innovative Therapieansätze, wie etwa die Übertragung von Darmbakterien von Schlanken auf übergewichtige Kranke. Dies kann nachweislich den Stoffwechsel verbessern. Auch das IFB ist an einem Forschungs­projekt (Metacardis) beteiligt, das den Zusammenhang zwischen Darmflora und Stoffwechsel­gesundheit untersucht. 

Folgen der Adipositas

Noch fehlen aber wirksame Therapien – Abhilfe beim Übergewichtsproblem ist nicht in Sicht. Dramatisch ist dies v. a. wegen der Folgeerkrankungen starken Übergewichts. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt z. B. 44 Prozent der Zuckererkrankungen und rund 40 Prozent bestimmter Krebsleiden auf Adipositas zurück. So führt Adipositas zu einer großen gesundheitlichen und finanziellen Belastung für die Betroffenen und die Gesellschaft. Der „Economist“ geht davon aus, dass ein adipöser Mensch rund 40 Prozent höhere Gesund­heitskosten verursacht als ein normalgewichtiger. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft nennt für 2003 direkte Behandlungskosten für Adipositas in Höhe von über 85 Millionen Euro, für Folgeerkrankungen rund 11,3 Milliarden Euro. Die indirekten Kosten z. B. für Arbeitsausfälle betrugen 1,4 bis 1,6 Milliarden Euro. 

Folgekrankheiten wie Fettleber, Gefäß- und Herzleiden, Diabetes und Bluthochdruck können aber z. B. in Schwellenländern nur unzureichend festgestellt und behandelt werden. Die Situation dort ist paradox: Der gestiegene Wohlstand veränderte vielerorts zwar Ernährung und Lebensstil, es entstand eine große Zahl übergewichtiger Menschen mit den besagten Begleiterkrankungen, aber an der mangelhaften Gesundheitsversorgung hat sich noch wenig geändert. So geht man in China davon aus, dass 40 Prozent der Diabeteserkrankungen nicht entdeckt sind. Aber auch wenn solch schleichend beginnende Erkrankungen wie Diabetes häufiger diagnostiziert würden, bleibt eine Behandlung in vielen Ländern fraglich. 

Deshalb sind Pharmaunternehmen in China, Südafrika und anderen Ländern aktiv in der Gesundheitsversorgung – mit allen damit verbundenen Nachteilen, wie Kritiker meinen. Dass Geld allein kein Erfolgsgarant für die Adipositastherapie und -prävention eines Landes ist, zeigt sich an den Golfstaaten. Länder wie Abu Dhabi investieren viel in Prävention und Behandlung – bisher aber mit wenig Erfolg.   Im nächsten „Aktuellen Thema“ erfahren Sie, wie der „Economist“ den Zwiespalt der Nahrungs­mittelindustrie und der Politik beim Problem Adipositas sieht.

Review von Doris Gabel

Schlüsselwörter: Gesellschaft & Soziales, Gesundheitspolitik, Folgeerkrankungen