Lässt Adipositas die grauen Zellen schrumpfen?

Eine neue Studie zeigt, dass Adipositas scheinbar das Demenzrisiko steigert. Der Zusammenhang zwischen beiden Erkrankungen ist komplexer als vermutet.

Mehr als eine Millionen Menschen leiden in Deutschland am Verlust ihres Denkvermögens. Zwei Drittel davon leben mit der Alzheimer- Krankheit, der häufigsten Form von Demenz. Jährlich gibt es aufgrund des hohen Bevölkerungsalters mehr als 250 000 Neuerkrankungen. Demenz ist hierzulande eine ernstzunehmende Volkskrankheit geworden. Doch noch immer ist nicht vollständig geklärt, wie genau es zum Absterben der Gehirnzellen kommt.

Zahlreiche Studien zeigten: Auch Adipositas und die damit verbundenen Stoffwechselerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes Typ II und erhöhtes Cholesterin begünstigen die Erkrankung an Alters- Demenz. Es stellt sich die Frage, welchen Einfluss starkes Übergewicht tatsächlich auf die Gehirnfunktion hat.

Es scheint bewiesen: Adipositas erhöht das Demenzrisiko. Eine neue Studie zeigt, dass sich die Folgen von Fettleibigkeit im Gehirn nicht erst im hohen Alter bemerkbar machen. So kommt es bereits im Alter zwischen 40 und 50 Jahren zu einem schnelleren geistigen Abbau, wenn der Betroffene einen erhöhten Body-Mass-Index (BMI) von 30 bis 40 kg/m² hat.

Zu diesem Ergebnis kommen Forscher vom Institut National de la Santé et de la Recherche Médicale (INSERM) in Paris.[1] Sie hatten in einer Langzeitstudie 6400 Erwachsene über zehn Jahre lang begleitet und in verschiedenen metabolischen sowie in kognitiven Tests Daten der Probanden gesammelt und ausgewertet. Alle Teilnehmer der Studie waren zwischen 39 und 63 Jahre alt und nahmen im Abstand von 5 Jahren jeweils an verschiedenen Untersuchungen teil, in denen ihr Sprachvermögen, ihr logisches Denkvermögen und ihr Gedächtnis getestet wurden. Zudem erfassten die Forscher metabolische Messgrößen, wie Daten über den Cholesterinspiegel, die Blutfettwerte, den Bluthochdruck und Diabetes Typ II. Die Forscher definierten einen abweichenden metabolischen Status, wenn die Probanden an mindestens zwei der genannten Parameter erkrankt waren. Demnach litten 31 Prozent der Probanden an einer der genannten Stoffwechselstörungen. 38 Prozent der Teilnehmer waren übergewichtig, neun Prozent davon adipös. Die fettleibigen Probanden wurden nochmals unterteilt in „metabolisch auffällig“ sowie in „adipös gesund“, d.h. sie litten an keiner der genannten Stoffwechselstörungen obwohl sie stark übergewichtig waren.

Als erstaunliches Resultat ergab sich, dass sowohl fettleibige Menschen mit metabolischen Leiden als auch adipös „gesunde“ Teilnehmer im Verlauf gleichermaßen eine verringerte Gehirnleistung zeigten. Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler, nachdem sie die Geschwindigkeit des geistigen Abbaus für die gesamte Untersuchungszeit berechnet hatten. Adipöse Menschen haben demnach eine schlechtere Hirnleistung, auch dann, wenn sie parallel nicht an einem metabolischen Leiden erkrankt waren. Bisher waren Wissenschaftler davon ausgegangen, dass ein erhöhtes Demenzrisiko bei Fettleibigen auf die begleitenden Stoffwechselstörungen zurückzuführen ist.

Doch lässt Übergewicht tatsächlich die grauen Zellen schrumpfen? Wie der Körperumfang die kognitive Leistung beeinflussen kann, erläutert Dr. Annette Horstmann vom Max- Planck Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Zusammen mit dem Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) für AdipositasErkrankungen erforscht sie den Zusammenhang zwischen Übergewicht und Veränderungen der Hirnstrukturen und dem Verhalten von stark übergewichtigen Menschen: “Wir konnten in Abhängigkeit von der Schwere des Übergewichts bereits bei jungen Menschen Veränderungen der Hirnstruktur zeigen. Diese Veränderungen gingen mit Verhaltensunterschieden zwischen adipösen und normalgewichtigen Probanden in einer Spielaufgabe einher. Inwieweit unsere Ergebnisse eine Folge des Übergewichts oder eine Ursache davon abbilden, ist allerdings bisher völlig unklar. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir Langzeitstudien machen.“

Übergewicht führt also nicht zwingend zu Demenz, ist aber an der Veränderung von Gehirnleistungen beteiligt. „Weitere Studien müssen durchgeführt werden, in denen auch Faktoren wie Gene, die Dauer der übergewichtigen Phase und der metabolischen Erkrankung sowie Umwelteinflüsse berücksichtigt werden.“ Nur dann sei es möglich, genauere Aussagen über die Wechselwirkung von Gewicht und Gehirnleistung zu treffen, so die Wissenschaftlerin. Bis dahin gelte aber weiterhin: Wer körperlich gesund ist, kann auch mit dem Kopf mehr leisten.   

Annekathrin Härter

Quelle:
[1] Archana Singh-Manoux et al.“Obesity phenotypes in midlife and cognition in early old age: The Whitehall II cohort study“ Neurology August 21, 2012 vol.79 no.8,p. 755-762

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