Mehr Selbsttötungen nach Adipositasoperationen?

Die Suizidrate ist etwas erhöht. Deshalb ist eine gute Vorbereitung und Nachbetreuung bei Adipositaseingriffen besonders wichtig.

Für Menschen mit schwerer Adipositas, bei denen wiederholt Behandlungen zur Gewichtsreduktion scheiterten, sind Adipositas-chirurgische Eingriffe meist die letzte Chance doch noch Gewicht zu verlieren. Solche Operationen können sich sehr positiv auf die Gesundheit der Betroffenen aus. Voraussetzung dabei ist, dass die Patienten aktiv mitarbeiten, ihre Ernährung umstellen und die Nachsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Einige Studien sorgten für Aufsehen, da sie auf eine leicht erhöhte Rate von Selbsttötungen (Suizide) bei den operierten Patienten hinwiesen. Auch Medienberichte zu diesem Thema trugen zur Verunsicherung bei. Anlässlich des Suizid-Präventionstages am 10.9.2012 erläutert das IFB AdipositasErkrankungen die Hintergründe.

Nach einer Adipositas-Operation (bariatrische Chirurgie) wie z.B. einem Magenbypass ist die Nahrungsmenge, die aufgenommen werden kann, sehr verringert. In den meisten Fällen nehmen die Betroffenen deshalb stark ab. Der Gewichtsverlust wirkt sich sehr positiv auf die Gesundheit aus: Begleit-erkrankungen wie z.B. Diabetes, Herz- und Gefäßerkrankungen oder Bluthochdruck gehen zurück oder verschwinden ganz. Somit sinkt auch die erhöhte Sterblichkeit, die bei adipösen Menschen gerade auf diese Begleiterkrankungen zurück geht. Die niedrigere Sterberate ergibt sich v.a. durch die gesunkene Zahl von Herzinfarkten, Diabetes- und Krebserkrankungen. In einer Studie von Sowemimo et al. (1) konnte etwa gezeigt werden, dass die Sterblichkeit nach erfolgreicher Operation nur noch 2,9 Prozent, gegenüber 14,3 Prozent bei nicht-operierten adipösen Patienten liegt. Auch psychisch fühlen sich die Patientinnen und Patienten besser, das Selbstvertrauen wächst, viele Aktivitäten sind wieder möglich und die Lebensqualität steigt deutlich.

In verschiedenen Studien zeigte sich allerdings auch, dass die Zahl der Selbsttötungen (Suizide) nach Adipositas-Eingriffen (Bariatrische Chirurgie) etwas zunahm. So untersuchte Omalu (2) von der Universität Pittsburgh (Pennsylvania, USA) 16.683 Patienten nach einem bariatrischen Eingriff (1994 und 2005). Über 440 dieser Patienten sind aus verschiedenen medizinischen Gründen bereits verstorben, darunter gab es auch 16 Suizide. 3,6 Prozent der Todesfälle bei den operierten Patienten waren also Selbsttötungen; in der breiten Bevölkerung liegt die Suizidrate berechnet aus den Todesfällen 1,1 Prozent. Eine andere Studie (3) errechnete bei Patienten nach einer bariatrischen Operation nach rund 7 Jahren eine zweifach erhöhte Suizidrate gegenüber einer nicht-operierten Kontrollgruppe. Ebenso fanden Sjöström und seine Forscherkollegen (4) in Schweden heraus, dass die Suizidrate bei der besagten Patientengruppe um 58 Prozent anstieg. Den Ursachen für die erhöhte Suizidrate gehen die IFB-Forscherinnen Prof. Anette Kersting und Dr. Birgit Wagner von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Leipzig nach.

„Die Gründe für die vermehrten Suizide sind bisher kaum untersucht worden“, erläutert die Psychosomatikerin Prof. Kersting. Bereits vor der OP bestehende psychische Erkrankungen, wie Depressionen, gelten als Risikofaktoren, aber auch frühere suizidale Krisen, selbstverletzendes impulsives und aggressives Verhalten. Darüber hinaus gilt es zu bedenken, dass „Menschen, die gewohnt waren, Problem- oder Stresssituationen durch vermehrtes Essen zu bewältigen, nach einem bariatrischen Eingriff diese Kompensationsmöglichkeit verlieren. Sie müssen nun neue Bewältigungsstrategien lernen, um mit schwierigen Lebenssituationen zurechtzukommen. Dies muss vor einer Operation erkannt werden, so dass die Betroffenen psychotherapeutisch begleitet werden können, um gemeinsam andere Mechanismen zur Problembewältigung zu trainieren.“

Grundsätzlich überwiegen die positiven Auswirkungen eines bariatrischen Eingriffes aber bei Weitem die negativen. Wichtig ist aber, dass sich die Betroffenen schon im Vorfeld damit auseinandersetzen, dass sie nicht nur viel abnehmen werden, sondern auch viel weniger essen können. Am IFB AdipositasErkrankungen wird jeder Patient, der für einen Adipositas-Eingriff ansteht, von einer Gruppe von Adipositas-Experten begutachtet, in der verschiedene Ärzte und auch Psychologen vertreten sind. So soll gewährleistet werden, dass die Patientinnen und Patienten optimal auf die Operation vorbereitet und danach begleitet werden können. Auch Selbsthilfegruppe können den Betroffenen kann helfen, die Zeit vor und nach einer bariatrischen Operation besser zu meistern.

Doris Gabel

Quellen:
(1) Sowemimo OA, Yood SM, Courtney J, et al (2007) Natural History of Morbid Obesity without Surgical Intervention. Surg Obes Relat Dis 3: 73-77
(2) Omalu BI, et al (2007) Death Rates and Causes after Bariatric Surgery for Pennsylvania Residents 1995-2004. ArchSurg. 2007; 142 (10):923-928
(3) Adams TD, Gress RE, Smith SC, et al (2007) Long-term mortality after gastric bypass surgery. N Engl J Med 357: 753-761
(4) Sjöström L, et al (2007) Effects of Bariatric Surgery on Mortality in Swedish Obese Subjects. N Engl J Med 2007; 357: 741-52

Schlüsselwörter: Adipositaschirurgie