Wie werden die Deutschen gesünder?

Ernährung und Bewegung im Fokus einer hochrangigen Podiumsdiskussion in Berlin

Foto, von li.: Prof. Michael Stumvoll (Wissenschaftl. Leiter IFB Adipositas), Prof. Beate Kretschmer (Lilly), Jens Spahn (gesundheitspol. Sprecher CDU/CSU), Prof. Joachim Spranger (Charité, Berlin), Nicole Maisch (verbraucherpol. Sprecherin, Grüne/B90)

In Berlin diskutierten Vertreter aus Politik, Medizin und Wissenschaft Ende März bei der Veranstaltung „Patient Journey“ der Charité und der Firma Lilly die brennende Frage, wie die Deutschen vor Volkskrankheiten und den entsprechenden Kosten bewahrt werden können. Der Fokus der Podiumsdiskussion sollte die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) sein, schnell bewegte sich die Diskussion aber in Richtung Vorbeugung von Diabetes und von Adipositas (Fettleibigkeit) – zwei Erkrankungen, die oft Hand in Hand gehen. So sind über 80 Prozent der Diabetiker auch übergewichtig und eine adipöse Frau hat z.B. ein rund 20-fach erhöhtes Risiko, eine Diabetes zu entwickeln. Die Zahl von 7,5 Millionen Diabetikern wird sich bis 2030 verdoppeln, wobei es noch eine große Dunkelziffer unentdeckter Erkrankungen gibt. Neben der Zuckerkrankheit kommt es bei stark übergewichtigen Menschen häufig zu weiteren Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Leberverfettung, Arteriosklerose und orthopädischen Leiden. Ein gesünderer Lebensstil mit besserer Ernährung und mehr Bewegung würde also viele Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Die Veranstalter möchten durch eine Serie von Diskussionen dieser wichtigen Themen mit ebenso wichtigen Personen den Anstoß zu einer nationalen Diabetesstrategie geben, in der Gesundheitspolitik, Kliniken, Praxen, Krankenkassen, Interessensgruppen und Forscher mit von der Partie sein sollen. Für die Wissenschaft plädierte Prof. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Leiter des IFB AdipositasErkrankungen in Leipzig, für eine verbesserte klinische Forschung zu Diabetes an den zehn endokrinologischen Zentren der Universitätskliniken in Deutschland. Derzeit ist aber die ambulante Betreuung von Diabetespatienten für Kliniken schwierig, da sie durch die Krankenkassen anders als bei Arztpraxen unzureichend vergütet wird. Ohne entsprechende Patienten können aber keine Studien auf den Weg gebracht werden, die die Diabetesprävention und  -behandlung verbessern.

Jens Spahn, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU möchte keine „indikationsspezifische Kampagne“, die sich nur um eine Erkrankung dreht, sondern „einen Präventionsansatz für viele Volkskrankheiten.“ Nicole Maisch, verbraucherpolitische Sprecherin von Bündnis 90/Die Grünen pflichtet dem bei, sieht indessen einen Mangel an konkreten Maßnahmen. „Wir brauchen keine ideologische Debatte über Ernährung und Lebensmittel und darüber, ob die Menschen von Staats wegen gegängelt werden. Es gibt genügend wissenschaftliche Belege, was gesund ist. Wie bei den neuen Gesetzen zum Rauchen brauchen wir klare Regelungen, die zu einer gesünderen Ernährung verhelfen.“ Dazu gehört für die Grünen eine verständliche Kennzeichnung von Lebensmitteln, wie es etwa die „Ampel“ möglich gemacht hätte, die aber von der schwarz-gelben Regierungskoalition abgelehnt wurde. Die existierenden Nährwertangaben „könnten genauso gut auf Finnisch sein, so wenig verständlich sind sie“, beklagte Maisch.

Prof. Joachim Spranger, Direktor der Medizinischen Klinik mit den Schwerpunkten Endokrinologie, Diabetes und Ernährungsmedizin an der Charité Universitätsmedizin, sieht nicht nur in der Primärprävention, die neuen Diabeteserkrankungen vorbeugen soll, sondern auch in der Sekundärprävention noch viel Handlungsbedarf. „In der Diabetesbehandlung wären kleine Maßnahmen schon eine große Verbesserung“, sodass die Betroffenen nicht noch weitere Diabetes-bedingten Folgeerkrankungen wie z.B. Arteriosklerose bekommen. Auch Prof. Stumvoll mahnt in Anbetracht der immer noch zahlreichen Beinamputationen bei Diabetikern infolge von Gefäßerkrankungen eine Verbesserung der Therapie an.

Aufgrund der zu erwartenden Kostenexplosion durch Diabetes und Adipositas sprach sich Thomas Danne, Professor an der Medizinischen Hochschule Hannover und Präsident der Deutschen Diabetes-Gesellschaft, für eine Großkampagne aus wie die gegen AIDS. Bisher würden die Gesundheitsprobleme durch Diabetes und Adipositas sowohl gesellschaftlich als auch vom Einzelnen noch verharmlost. „Beide Leiden entstehen schleichend und tun nicht weh, haben aber riesige Folgen“, so der Experte. „Eine echt wirksame Maßnahme könnte es schon sein, die extrem zuckerhaltigen Getränke aus Schulen zu verbannen.“ Dem konnten erstaunlicherweise alle Teilnehmer der Runde zustimmen. Unklar blieb hingegen, ob Bund oder Land, Schulen oder Eltern für die Umsetzung sorgen müssten. Dies zeigt im Kleinen das Problem im Großen: Der Teufel steckt im Detail, auch wenn die Ziele noch so richtig sind.

Doris Gabel

Schlüsselwörter: Aktionen & Veranstaltungen, Folgeerkrankungen, Gesellschaft & Soziales, Prävention