Das Gehirn isst mit

Essen ist mehr als nur der Ausgleich eines Energiedefizits. Viele Faktoren beeinflussen das Gefühl von Hunger und Sättigung.

Prof. Dr. William F. Colmers von der University of Alberta in Edmonton, Kanada, besuchte das IFB: „Ich bin begeistert von den vernetzten Forschungsprojekten des IFB. Das Zentrum ist eine vielversprechende Einrichtung.“ Der Pharmakologe spricht dank seiner deutschen Ehefrau und seiner Promotion an der Universität Regensburg fließend Deutsch.

Der Mensch isst, wenn er hungrig ist. So einfach ist es aber leider mit dem Essen nicht, denn komplexe Hormon- und Nervenreize beeinflussen das Hunger- und Sättigungsgefühl. Deshalb beschäftigen sich die Forscher am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen mit diesen vielschichtigen Zusammenhängen. Auch der Pharmakologe Professor William F. Colmers von der University of Alberta (Edmonton, Kanada) untersucht, wie bestimmte Botenstoffe des Gehirns (Neuropeptide) auf den Appetit des Menschen wirken. Im August besuchte er das IFB und tauschte sich mit den dortigen Forschern aus. Sein Besuch fand im Rahmen der Alberta-Saxony Obesity and Training Alliance (ASORTA)* statt.

Das Gehirn ist in vielerlei Hinsicht bestimmend für das Essverhalten des Menschen: „Wenn jemand länger Übergewicht mit sich herumträgt, dann programmiert das Gehirn diese Kilozahl als Sollwert. Nimmt man dann ab, möchte der Körper zu diesem Sollwert zurück“, erklärt der Kanadier mit deutschen Wurzeln. „Deshalb ist es so schwer, das niedrigere Gewicht zu halten.“ Colmers’ Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Neuropeptid Y, das hauptsächlich im Gehirn vorkommt und den Appetit steigert. Tiere, denen dieser Botenstoff injiziert wird, fressen sogar, wenn sie gerade gefüttert wurden und satt sind. Noch sind die Funktionen dieses Botenstoffs nicht vollständig geklärt. Bekannt ist aber, dass Neuropeptid Y zusammen mit anderen Botenstoffen die Aktivität von wichtigen Nervenzellen und auch das Hormon Leptin beeinflusst, das aus dem Fettgewebe kommt und das Hungergefühl hemmt.

Bereits seit vielen Jahren steht Prof. Colmers in Kontakt mit Prof. Annette Beck-Sickinger (Institut für Biochemie, Universität Leipzig), die in einem IFB-Projekt erforscht, wie das Hunger- und Sättigungsgefühl im Gehirn von Hormonen des Magen-Darmtrakts beeinflusst wird. Die Wissenschaftler am IFB untersuchen in verschiedenen weiteren Forschungsansätzen die Einflüsse auf das Essverhalten. Ob z.B. Veränderungen der Hirnstruktur oder erlernte Verhaltensweisen zur Entstehung einer Adipositas beitragen, ist der Fokus in den IFB-Forschungsprojekten von Prof. Arno Villringer und Dr. Jane Neumann am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften. Die zentrale Frage in einer weiteren Studie ist, inwieweit Botenstoffe des Nervensystems, wie etwa das „Glückshormon“ Serotonin oder Stresshormone, das Essverhalten beeinflussen. Dies untersucht Professor Swen Hesse für das IFB in der Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Leipzig. Fehlfunktionen all dieser komplexen neuronalen und hormonellen Systeme können also dazu führen, dass Menschen dauerhaft über den Hunger hinaus essen und letztlich adipös werden. Wenn es gelänge diese Fehlfunktionen z.B. medikamentös und am besten ohne Nebenwirkungen zu beeinflussen, wäre dies ein Therapieansatz gegen die Adipositas. Der wissenschaftliche Austausch der Forscher in diesem Bereich – auch auf internationaler Ebene – ist folglich sehr wichtig für die Entwicklung wirksamer Behandlungsmethoden. Deutschland und Kanada sind dabei durch die ASORTA-Allianz beispielhaft.

Effektive Therapien wären heute notwendiger denn je, da sowohl in Kanada als auch in Deutschland bereits rund 20 Prozent der Erwachsenen adipös sind – Tendenz steigend. Besonders besorgniserregend sind dabei die schweren Erkrankungen, die mit einer Adipositas einhergehen: Diabetes (Typ 2), Gefäßverkalkung, Fettleber und Bluthochdruck. Diese sind hauptverantwortlich für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Gefäß- und Herz-Kreislauferkrankungen, die eng mit der Adipositas zusammenhängen, sind in Deutschland inzwischen sogar Todesursache Nummer eins.

Doris Gabel

* Zwischen der kanadischen Provinz Alberta und Sachsen gibt es eine Regionalpartnerschaft, die neben der wirtschaftlichen Kooperation auch den Austausch in der Wissenschaft fördert. Im Rahmen dieser Partnerschaft entstand auch die Alberta-Saxony Obesity and Training Alliance (ASORTA). Die Alliance ermöglicht v.a. Nachwuchswissenschaftlern der Universitäten Leipzig und Alberta einen Studienaufenthalt an der Partnerhochschule.

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