Uncool aber wahr - Adipositas bei Jugendlichen

Immer mehr Jugendliche sind übergewichtig oder sogar adipös.

Gutes Aussehen steht ganz oben auf der Rangliste der Wünsche bei Jugendlichen. Stärker als in jeder anderen Lebensphase hängt das Selbstwertgefühl vom Aussehen ab. Internet und Fernsehen geben indessen Schönheitsideale vor, die meist unerreichbar sind. „Total uncool“ ist es natürlich, dick zu sein – geschweige denn adipös. Davon kann Stefanie C. ein Lied singen. Die heute 38-jährige Frau aus Süddeutschland, wog mit 18 Jahren über 100 Kilogramm und trug Kleidergröße 48. „Nach außen hin habe ich einen Panzer aufgebaut, aber innerlich habe ich total gelitten.“ Der Versuch, dem Problem Herr zu werden, machte es eher schlimmer: „Ich habe Diäten ohne Ende gemacht, hab’ Tabletten geschluckt, bin zur Akupunktur und zum Psychologen gegangen. Am Ende hatte ich die abgenommen Pfunde immer doppelt wieder drauf.“

Deutlicher Anstieg

Stefanie C. ist bei weitem kein Einzelfall: Gemäß den Ergebnissen der Kinder- und Jugendstudie (KIGGS, 2003-2006) des Robert-Koch-Instituts sind 17 Prozent der 14- bis 17-Jährigen übergewichtig und 8,5 Prozent sogar krankhaft übergewichtig (adipös). Im Vergleich zu den Daten von 1985 bis 1999 ist die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen um 50 Prozent gestiegen, und von den rund 1,9 Millionen übergewichtigen Kindern und Jugendlichen sind bereits 800.000 adipös. Eine Studie (1) von Dr. Susann Blüher und ihrem Team konnte anhand der Daten von über 460.000 Mädchen und Jungen zwischen 4 und 16 Jahren zeigen, dass in der Altergruppe der 12- bis 16-Jährigen Übergewicht und Adipositas im Zeitraum 2000 bis 2008 signifikant zugenommen hat. Bei Jungen stieg der Anteil von 15,4 auf 21,3 Prozent, bei Mädchen von 17,4 auf 20,9 Prozent. Im Gegensatz dazu ging im selben Zeitraum bei Kindern von vier bis sieben Jahren die Zahl Übergewichtiger zurück, während sie bei den Acht- bis Elf-Jährigen immerhin stagnierte. Verschiedene internationale Studien kamen für Kinder und Jugendliche zu ähnlichen Ergebnissen. Die Zahlen bei Kindern sind aber keine Entwarnung für Jugendliche. Deshalb stellt sich anlässlich des Internationalen Tages der Jugend (12.8.) die Frage, wie kommt es zu dem erschreckenden Anstieg der Adipositas bei Jugendlichen und wie kann den Betroffenen geholfen werden.

Ursachen für Adipositas bei Jugendlichen

Auf den ersten Blick scheinen die Ursachen für den Anstieg klar: Jugendliche verbringen immer mehr Stunden vor PC und Fernseher, bewegen sich folglich zu wenig und greifen gerne auch zu Fastfood. Weniger bekannt ist, dass auch genetische und psychosoziale Faktoren, wie etwa die Rolle in Familie, Freundeskreis und Schule, die Entstehung der Adipositas begünstigen können, ebenso wie Trennungs- und Gewalterfahrungen. Übergewicht kann auch Folge von Essstörungen sein – diese kommen wiederum am häufigsten bei Jugendlichen vor.  Ein Teufelskreis entsteht, wenn übergewichtige Jugendliche aus Scham keinen Sport mehr treiben. Das Gewicht steigt dann weiter und Sport rückt in noch weitere Ferne. Häufig ziehen sich die jungen Leute zurück, um Hänseleien auszuweichen. Essen aus Kummer, Frustration oder als Trost verschlimmert die Situation häufig noch zusätzlich. So war es auch bei Stefanie C.: „Frustessen war regelmäßig angesagt. Für Freundinnen war ich nur das fünfte Rad am Wagen und für Jungs allenfalls ein Kumpel.“

Folgen und Behandlung

Viele Ärzte sehen einen Mangel an Präventionsmaßnahmen aber auch an Behandlungseinrichtungen. Mit der AdipositasAmbulanz für Kinder und Jugendliche am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen bietet Leipzig eine zentrale Anlaufstelle für junge Patienten sowie deren Eltern. Die Einbindung der Familie ist für die Therapie besonders wichtig. Dr. Susann Blüher berät und behandelt dort Kinder und Jugendliche. „Die größte Hürde in der Therapie Jugendlicher ist die mangelnde Motivation, ihre Lebensgewohnheiten dauerhaft zu ändern, obwohl sie ihr Problem kennen und verstehen. In dieser Lebensphase stürmt so viel Neues auf die jungen Leute ein, dass sie für die Bewältigung dieses Problems nicht genug Kraft und Ausdauer zu haben scheinen“, so die Fachärztin und Leiterin der IFB Forschungsgruppe „Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kinder- und Jugendalter.“

Die gesundheitlichen Folgen einer Adipositas sind gravierend. So unterstreicht Prof. Dr. Wieland Kiess, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, dass „gerade bereits in jungen Jahren die Grundlage für die Entstehung von Typ 2 Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörung, Atherosklerose und vielen anderen sogenannten Zivilisations- und Alterserkrankungen gelegt wird.“ Das Behandlungsangebot von IFB Ambulanz und Kinderklinik für adipöse Kinder und Jugendliche „ist ein vielfältiges, auf den jeweiligen jungen Patienten und seine Familie individuell ausgerichtetes Therapieprogramm. Dazu gehören Sportangebote, Ernährungsberatung sowie Psychologische und Familien-Beratung“. Um an die Wurzel des Problems zu kommen, spricht Prof. Kiess den Betroffenen Mut zu: „Es gilt, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern langfristig und geduldig das Problem Adipositas anzupacken.“ Stefanie C. packte es erst als Erwachsene an. Nach einer Adipositas-Operation (Magenbypass) durch Prof. Edward Shang konnte sie ihr Übergewicht abbauen. In der Zwischenzeit sei viel passiert, den damaligen Partner hat sie „in die Wüste geschickt“ und heute lebt sie mit Ehemann und zwei Kindern „ein glückliches Leben. Als Jugendliche hatte ich immer geglaubt, ich würde, lebenslänglich unglücklich sein. Es gab ja noch keine Selbsthilfegruppen und auch die Ärzte, konnten mir damals nicht helfen. Gut, dass sich das gebessert hat.”

Doris Gabel

Quellen: (1) Age-specific stabilization in obesity prevalence in German children: A cross-sectional study from 1999 to 2008. Blüher S, Meigen C, Gausche R, Keller E, Pfäffle R, Sabin M, Werther G, Odeh R, Kiess W., Int J Pediatr Obes. 2011 Jun;6(2-2):e199-206. Epub 2010 Nov 23.

Informationen zur IFB AdipositasAmbulanz für Kinder und Jugendliche finden Sie hier.

Informationen zur KIGGS-Studie finden Sie hier.

Schlüsselwörter: IFB-Forschung, Kinder & Jugendliche, Patienten-Berichte