Kommt der Frühling, geht der Blues

Ist Winterzeit Depressionszeit? Ja, sagt Prof. Hubertus Himmerich. Zum Glück ist heute Frühlingsanfang...

Die dunkle Jahreszeit ist endlich vorbei. Die Tage werden wieder länger, heller und sonniger. Es ist auch höchste Zeit, denn manchen macht der Lichtmangel so zu schaffen, dass sie der Winterblues packt. Doch kommt dann endlich der Frühling, geht auch die Winterdepression. Verschwindet sie aber nicht, sollte man unbedingt einen Arzt aufsuchen.  „Eine Depression ist eine ernstzunehmende Stoffwechselerkrankung des Gehirns, gegen die man selbst wenig tun kann“, sagt IFB-Experte Professor Hubertus Himmerich.

Sind manche Menschen im Winter anfälliger für Depressionen als andere?
Alle Menschen sind im Winter gleichermaßen anfälliger für Depressionen als im Sommer. Es gibt keinen Test, der voraussagen könnte, wer ein höheres Risiko für eine Depression oder für eine Winterdepression hat.

Woher kommt eine Winterdepression?
Bei der Winterdepression können zwei verschiedene Mechanismen eine besondere Rolle spielen: Erstens der Lichtmangel, der in den Stoffwechsel des Serotonins eingreift, das häufig als Glückshormon bezeichnet wird, und zweitens Veränderungen im Immunsystem. Da im Winter das Immunsystem scharfgestellt wird, damit wir uns besser gegen Infektionskrankheiten wehren können, werde Zytokine, Botenstoffe des Immunsystems, vermehrt produziert. Diese können im Gehirn verschiedene Prozesse bewirken, die wiederum zur Depression führen.

Der Frühling kommt, die Depression geht. Ist das so?
Bei der saisonalen affektiven Störung, wie die Winterdepression in der internationalen Literatur heißt, verschwindet im Frühjahr und Sommer die depressive Stimmungs- und Antriebslage. Die Winterdepression kann besonders gut mit Lichttherapie behandelt werden, bei der spezielles und besonders helles Licht verwendet wird. Diesen Effekt erzielt man auch, wenn man bei Tageslicht rausgeht. Selbst an einem Regentag ist es draußen viel heller als drinnen. Regelmäßig das Haus zu verlassen, ist deshalb eine gute Prophylaxe für die Winterdepression.
Wenn aber die Depression im Frühling nicht wieder verschwindet, dann sollte man seinen Hausarzt, einen Psychiater oder einen ärztlichen oder psychologischen Psychotherapeuten aufsuchen. Dies sollte man übrigens schon im Winter tun, wenn die Symptome zwei Wochen anhalten; denn dann liegt eine behandlungsbedürftige Depression vor. Da die Depression eine ernstzunehmende Stoffwechselerkrankung des Gehirns ist, die durch Suizid tödlich verlaufen kann, kann man selbst wenig dagegen tun. Sich zusammenzureißen, versuchen positiv zu denken und sich zu Aktivitäten zu quälen, die einem einmal Spaß gemacht haben, bringt einem Betroffenen erfahrungsgemäß gar nichts. Die Depression ist nämlich keine einfache Verstimmung und Traurigkeit, sondern eine medizinische Erkrankung, die zu vielen Folgeschäden wie Adipositas, Diabetes und Herzinfarkt führen kann.

Wie erkennt man den Unterschied zwischen einer „gewöhnlichen“ Verstimmung und einer Depression?
Gesunde Menschen können sich nicht vorstellen, wie groß das Leiden in der Depression ist. Trotzdem sprechen wir umgangssprachlich schon von „Depressionen“, wenn unsere Stimmung etwas gedrückt ist. Eine depressive Erkrankung besteht jedoch nicht, wenn lediglich Traurigkeit vorliegt.
Um eine (Winter-)Depression handelt es sich, wenn mindestens zwei der drei sogenannten Kernsymptome – Interessensverlust, depressive Stimmung, verminderter Antrieb – über mindestens zwei Wochen permanent vorliegen. Darüber hinaus liegen bei einer Depression noch weitere Symptome vor, unter anderem Schlafstörungen, ein vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen, das Gefühl von Schuld und Wertlosigkeit oder verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit.

Was sind ihre Ursachen?
Meist führt ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren zur Depression. Es kann konkrete Auslöser geben, z. B. dass ein Angehöriger gepflegt werden muss oder verstirbt, eine Scheidung oder eine Berentung. Solche Auslöser können Erkrankte häufig benennen. Sie sind allerdings kein hinreichender Grund für eine Depression, denn nicht jeder erkrankt, der ein solches Lebensereignis zu verkraften hat.
Eine Depression kann psychosoziale und biologische Ursachen haben: bösartige oder entzündliche Erkrankungen, hormonelle Umstellungen, z. B. in der Schwangerschaft oder Menopausen, die genetische Veranlagung, eine Veränderung der Botenstoffe im Gehirn, Medikamente, die als Nebenwirkung depressiv machen können, der Missbrauch von Alkohol oder Drogen oder eben die dunkle Jahreszeit im Herbst oder Winter mit wenig Licht und ein gestörter Schlaf-Wach-Rhythmus.
Die psychosozialen Risikofaktoren für eine Depression unterscheiden sich zwischen Frauen und Männern. Das höchste Depressionsrisiko haben alleinerziehende Mütter mit geringem Bildungsstand. Während Frauen mit multiplen Stressquellen konfrontiert sind, erscheint bei Männern die Berufsrolle als die dominierende Stressquelle. Im Unterschied zu Frauen, die eine Trennung oder Scheidung erleben, steigt das Depressions- und Suizidrisiko bei Männern um das Mehrfache.

Sie erforschen am IFB die Beziehung von Adipositas und Depression. Gibt es einen Zusammenhang?
Nicht jeder adipöse Mensch ist anfällig für eine Depression. Allerdings können die Konsequenzen der Adipositas Risikofaktoren für eine Depression darstellen. Adipöse Personen Menschen werden häufig stigmatisiert und ausgegrenzt. Viele ziehen sich auch selbst aus gesellschaftlichen oder sportlichen Aktivitäten zurück, z. B. weil sie sich aufgrund ihres Aussehens nicht mehr trauen, ein Schwimmbad zu besuchen. Wenn zu diesen Schwierigkeiten noch körperliche Folgeerkrankungen wie Diabetes, Herzinfarkt oder Schlaganfall kommen, erhöht dies das Risiko für eine Depression.
Umgekehrt kommen bei Depressionen Veränderungen des Essverhaltens vor. Manche Patienten essen in der Depression nur noch ganz wenig, andere essen viel zu viel. Psychische Störungen sind daher einer der wesentlichen Risikofaktoren für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas. In der sogenannten Whithall-II-Studie, die in England durchgeführt wurde, konnte gezeigt werden, dass psychische Erkrankungen viel häufiger zu Adipositas führen als umgekehrt. Das liegt nicht nur am veränderten Essverhalten bei der Depression, sondern auch daran, dass viele Psychopharmaka dick machen.

Professor Hubertus Himmerich untersucht am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen den Zusammenhang zwischen Adipositas und Depression. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Schlüsselwörter: Psyche