Bewusster und gesünder, schneller und wenn´s passt

Ernährung ist den Deutschen laut Nestlé-Studie wichtig geworden. Eine Trendwende ist das aber noch nicht, so Dr. Tatjana Schütz.

„So is(s)t Deutschland“ lautet der Titel der neuen deutschlandweiten Nestlé Studie. Untersucht wurde das Ernährungsverhalten von 10.000 Verbrauchern und wie dieses von gesellschaftlichen Veränderungen beeinflusst wird. Das überraschendste Ergebnis ist für Dr. Tatjana Schütz, Ernährungswissenschaftlerin am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen Leipzig, der Zusammenhang zwischen Gesundheit und Ernährung: „Die Studie zeigt, dass der Gesundheitsaspekt für viele Verbraucher eine zunehmend größere Rolle spielt. Zwar ernähren sich nach wie vor viele Menschen ungesund, insofern kann von einer Trendwende noch nicht gesprochen werden, das Bewusstsein für gesunde Ernährung wächst aber merklich." Die wichtigsten Studienergebnisse kommentiert sie hier:

Gegessen wird, wenn Zeit dafür ist.

Die Entstrukturierung des Alltags nimmt – bedingt durch das Berufsleben – weiter zu. Mahlzeiten, insbesondere Mittag- und Abendessen, werden folglich nicht mehr zu festgelegten Zeiten eingenommen. Besonders auffällig ist dies bei der jüngeren Generation: Bei den 20- bis 29-Jährigen ist der Anteil derer, die einen ständig wechselnden Tagesablauf haben, seit der ersten Studie 2009 von 47 Prozent auf 52 Prozent, bei den Berufstätigen von 37 Prozent auf 41 Prozent gestiegen. Statt des Hungerbedürfnisses bestimmen freie Zeitfenster, ob und wann gegessen wird.

Tatjana Schütz: Sicher sind die Ernährungsmuster von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Doch gerade bei krankhaft Übergewichtigen ist es wichtig, dass sie ein konsistentes Mahlzeitenmuster haben, das heißt: dass sie zu festen Zeiten essen. Ganz entscheidend ist ein regelmäßiges Frühstück. Das haben Daten aus dem National Weight Loss Registry in den USA, in dem sich Übergewichtige, die Gewicht verloren haben, eintragen können, gezeigt. Diese Regelmäßigkeit gehört genauso zum erfolgreichen Abnehmen wie körperliche Aktivität, etwa eine Stunde pro Tag, eine kalorienarme und fettarme Ernährung und Gewichtskontrolle.

Im Stehen oder im Gehen: Was Schnelles auf die Hand.

Jetzt und künftig isst man anders: „Snacking“ und „Out-of-Home“-Verzehr sind die Trends. Unregelmäßige Tagesverläufe haben zur Folge, dass Hauptmahlzeiten teilweise durch Kleinigkeiten, sprich „Snacks“, ersetzt werden, die man schnell unterwegs zu sich nimmt. Die Situation, dass man schnell beim Bäcker reinspringt oder zum Fastfood greift, weil der Hunger zwickt, kennt wohl jeder.

Tatjana Schütz: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt zwar fünf Mahlzeiten am Tag. Es gibt aber Daten, die dieses Konzept bei Übergewichtigen in Frage stellen. Denn Zwischenmahlzeiten liefern zusätzliche Kalorien, die bei den Hauptmahlzeiten nicht eingespart werden. Somit erhöhen Zwischenmahlzeiten die Gesamtenergiezufuhr. Kalorienarme Zwischenmahlzeiten, beispielsweise ein kleiner Apfel mit 52 Kalorien, werden eher selten verzehrt. Häufig wird dagegen zu Snacks wie belegte Brötchen, Pizzastücke, Croissants und Müsliriegel gegriffen, die in relativ kleinem Volumen viel Energie liefern. Werden sie dann auch noch auf die Schnelle verzehrt, ist der Sättigungseffekt eher gering.

Wie die Eltern, so die Kinder

Auch bei die Ernährung gilt: Die Familie ist die wichtigste Sozialisationsinstanz für Kinder. Und wie die Studie zeigt, wissen die Eltern dies auch. So gaben 58 Prozent der befragten Eltern mit höherem Einkommen, 53 Prozent mit mittlerem Einkommen und 45 Prozent mit niedrigem Einkommen an, dass sie auf eine ausgewogene Ernährung ihrer Kinder achten würden. 68 Prozent der Deutschen, auch zwei Drittel der Eltern von Kindern unter 18 Jahren, sind der Auffassung, dass Übergewicht und eine ungesunde Ernährung von Kindern heute weit verbreitete Probleme sind. Trotzdem gelingt es vielen Familien nicht, in ihrem Alltag konsequent auf eine gesunde Ernährung zu achten.

Tatjana Schütz: Auch bei Kindern entsteht Übergewicht aus einem Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. So gibt es z.B. eine enge Beziehung zwischen der Zeit, die Kinder vor dem Computer oder vor dem Fernseher verbringen, mit der Entstehung von Übergewicht. Eltern können da gegensteuern, indem sie Freizeit aktiv gestalten, ihren Kindern schon früh Ernährungswissen vermitteln und sie in die Zubereitung der Mahlzeiten mit einbeziehen.

Gutes Essen ist wichtig

Insgesamt spielt Ernährung heute eine größere Rolle als noch vor zwei Jahren. Der Anteil der Verbraucher, denen niedrige Preise wichtig sind, ist seit 2009 von 48 auf 39 Prozent zurückgegangen. Auf ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis achten nur noch 58 Prozent, 2009 waren es noch 66. Interessant dabei sei, so die Studie, dass sich dieser Trend gerade auch in den unteren Einkommensgruppen zeige.

Tatjana Schütz: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber man muss die weitere Entwicklung beobachten. Nicht jeder, der angibt, auf mehr Qualität bei Lebensmitteln zu achten, ist dann auch bereit oder im Stande, einen höheren Preis dafür zu bezahlen. Die Lebensmittelskandale der letzten Jahre – BSE, Gammelfleisch – haben nur zu kurzfristigen Umsatzrückgängen geführt, der Markt hat sich danach wieder erholt. Das spricht eher dagegen, dass eine große Anzahl von Menschen ihre Ernährungsgewohnheiten grundlegend geändert hätten.

Regio statt Bio

Auf der Suche nach gesunden Lebensmitteln legen die Verbraucher mehr Wert auf regionale Produkte als auf Bio-Lebensmittel.

Tatjana Schütz: Regio muss nicht schlechter oder besser als Bio sein. Ein wichtiger Punkt ist in meinen Augen die Wahl von Obst und Gemüse entsprechend ihrer Erntezeit in Deutschland. Kurze Transportwege, Frische und  Unterstützung der einheimischen Strukturen sind Argumente für die Nutzung regionaler Produkte. Konventionell erzeugte Produkte sind weder vom Geschmack noch von den Inhaltsstoffen her von biologisch erzeugten Produkten zu unterscheiden.

Nachhaltigkeit und soziale Verantwortung  - was hat das mit unserer Ernährung zu tun?                                                           

Die beiden Begriffe haben in den vergangenen zwei Jahren an Bedeutung gewonnen, überfordern aber viele Verbraucher. Viele wissen nichts damit anzufangen.

Tatjana Schütz: Eine nachhaltige Produktion von pflanzlichen wie auch tierischen Lebensmitteln geht verantwortungsbewusst mit der Natur um und schont Boden, Wasser und Luft.  Ziel wäre es, auf Tierarzneimittel, Pflanzenschutzmittel und chemische Dünger soweit wie möglich zu verzichten und die Sorten- bzw. Rassenvielfalt zu erhalten, und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.  Das käme zum einen uns selbst zu Gute, da wir das letzte Glied in der Nahrungskette sind. Zum anderen liegt es in unserer Verantwortung, die Lebensgrundlagen für zukünftige Generationen zu erhalten.

Schlüsselwörter: Ernährung & Diäten, Gesellschaft & Soziales, Adipositasursachen