Der Teufelskreis der Ausgrenzung

Diskriminierung kann für Betroffene schlimme Folgen haben. Zum heutigen Tag der Toleranz spricht Professorin Steffi Riedel-Heller über Stigma und Übergewicht.

Vorurteile gehören zum Leben. Keiner kommt ohne aus, denn sie vereinfachen die komplexe Realität und dienen dem sozialen Zusammenhalt. Weiten sich Vorurteile jedoch zu Diskriminierung aus, kann dies für Betroffene fatale Folgen haben. Gefräßig, faul, in der Folge krank und an allem selber schuld – das sind nur einige Vorurteile, mit denen übergewichtige Menschen zu kämpfen haben.

Soziale Ausgrenzung kann schnell zu einer psychischen Belastung werden. Und gut gemeinte Ratschläge wie „weniger essen, mehr bewegen“ motivieren krankhaft fettleibige Menschen nicht, sondern frustrieren sie noch mehr. Ein Teufelskreis. „Aus dem man ausbrechen kann und muss“, sagt Steffi Riedel-Heller. Die IFB-Expertin verrät, wie es gelingt.

Welche Vorurteile kursieren in unserer Gesellschaft gegenüber Übergewichtigen?

Professorin Steffi Riedel-Heller: Ausgehend von der Überzeugung, dass Übergewicht komplett selbst verursacht ist – das heißt: man müsste ganz einfach nur weniger essen und sich mehr bewegen – wird Übergewichtigen oft Faulheit und Disziplinlosigkeit unterstellt, eine Willensschwäche eben. Aber es gibt natürlich auch vereinzelt positive Stereotype, wie zum Beispiel, dass Übergewichtige besonders lustig oder gemütlich sind.

Warum gibt es diese Vorurteile und woher kommen sie?

Klischees und Vorurteile gehören zu unserem Leben. Sie sind allgegenwärtig und sie haben auch eine Funktion. Sie spielen eine zentrale Rolle in der Identitätsbildung von Gesellschaft und Gruppen: „Wir sind die Gesunden, Schlanken, Leistungsfähigen – dort sind die kranken Dicken.“ Vorurteile dienen also dem sozialen Zusammenhalt in Gruppen, das heißt der Abgrenzung von anderen, oder der Selbstwerterhöhung, die durch die Abwertung anderer herbeigeführt werden soll. Außerdem können Vorurteile auch im Dienste der Gefahrenabwehr stehen.

Sind wir also gar nicht so aufgeschlossen und tolerant, wie wir es gerne wären bzw. auch oft behaupten?

Wenn Sie ehrlich über Ihren gestrigen Tag nachdenken, wird Ihnen sicher so manches Vorurteil einfallen.

Wie offensichtlich bzw. subtil ist die Stigmatisierung von Übergewichtigen?

Das ist ganz unterschiedlich. In Diskussionsrunden haben uns Betroffene von sehr direkten Konfrontationen in Form von Beschimpfungen berichtet. Aber natürlich gibt es auch sehr indirekte Anzeichen von Stigmatisierung, also der Begegnung mit Vorurteilen. So hat uns beispielsweise eine Probandin erzählt, dass Bekannte sich erstaunt gezeigt haben, wie aufgeräumt und sauber ihre Wohnung war. Das war in ihren Augen offensichtlich konträr zum Bild der faulen Dicken, die das dann auch nicht hinbekommt.

In welchen Lebensbereichen stoßen Übergewichtige auf Vorurteile? Haben sie es schwerer?

Vorurteile und damit verbundene Diskriminierung sind für übergewichtige Menschen allgegenwärtig. In den USA ist der Anteil Betroffener mit Diskriminierungserfahrungen in den letzten 10 Jahren um 66% gestiegen. Besonders übergewichtige Frauen sind hiervon betroffen. Insbesondere ist der Bereich Arbeitsmarkt hinsichtlich der Diskriminierung Übergewichtiger gut erforscht: bei gleichen Qualifikationen werden sie weniger häufig eingestellt, verdienen weniger Geld und werden schneller gekündigt. Abgesehen davon sehen sich Übergewichtige stets mit für sie peinlichen Situationen konfrontiert. Wenn die Sitze zu klein sind, ein Durchgang zu eng ist oder Kleidung nicht passt.

Ist diese ganze Diskussion vielleicht übertrieben? Immerhin schlagen jedem einmal Vorurteile entgegen.

Ja, die Crux steckt aber in einer Art Teufelskreis. Unterschiede werden festgestellt, diese werden mit negativen Stereotypen verbunden und soziale Distanz wird gesucht. Daraus entstehen Diskriminierungserfahrungen. Menschen, die sich diskriminiert fühlen, ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück. Diese soziale Exklusion vergrößert wiederum die Unterschiede. Ein Teufelskreis von Ausgrenzung.

Was richten Stigmatisierung und Diskriminierung konkret bei den Betroffenen an?

Gerade das ist die eigentliche Dramatik. Früher hat man vermutet, dass sozialer Ausschluss in Form von Diskriminierung einen Ansporn darstellt, Gewicht zu verlieren. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Diskriminierungserfahrung und die Konfrontation mit Vorurteilen führen bei Betroffenen zu ungünstigeren Ess- und Bewegungsmustern und psychischen Belastungen – beides Dinge, die häufig zu weiterer Gewichtszunahme führen.

Sie untersuchen auch das Stigma von Übergewicht in Gesundheitsberufen. Sind Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, besonders intolerant und voreingenommen?

Sie sind per se nicht mehr oder weniger intolerant als die Allgemeinbevölkerung. Ärzte sind auch nur Menschen.  Hier können und müssen wir vieles tun. Menschen in Gesundheitsberufen machen konkret problematische Erfahrungen mit übergewichtigen Patienten. Übergewicht ist immer ein Risikofaktor für Folgeerkrankungen und auch bei Operationen. Übergewicht stellt für das medizinische Personal also eine große Herausforderung dar. Und bedeutet oft auch eine körperliche Anstrengung: beim Waschen, beim Betten oder anderen Hilfestellungen.

Was bedeutet das für Adipöse? Haben Sie dann erst recht Hemmungen, zum Arzt zu gehen?

Genau das ist der Fall. Einerseits führt fehlendes Wissen von Menschen in helfenden Berufen dazu, dass sich Patienten unverstanden fühlen. Andererseits ist die Untersuchungssituation mit Scham besetzt, vielleicht wegen der Waage oder den zu kleinen Stühlen im Wartezimmer. Diese Komponenten führen dazu, dass krankhaft Übergewichtige nötige Krebsvorsorgeuntersuchungen auslassen und selbst bei Problemen später zum Arzt gehen.

Wie kann man Vorurteile und Klischees abbauen?

Am wichtigsten ist wohl, dafür zu sorgen, ein realistisches Bild von den möglichen Ursachen von Übergewicht zu kommunizieren. Übergewicht ist selbstverständlich eine Folge von einer konstant positiven Energiebilanz. Es werden also mehr Kalorien aufgenommen als benötigt. Aber die Frage ist dann ja, was die Ursache für dieses Zuviel an Kalorien ist. Da finden sich unzählige Einflussfaktoren. Außerdem ist es natürlich immer wichtig, klar zu machen, welche Konsequenzen Diskriminierung für die Betroffenen hat. Wir haben es in der Hand, ob wir ein Vorurteil nähren und vor allem, ob wir es handlungswirksam werden lassen. Ich denke, Menschen in Gesundheitsberufen haben hier eine besondere Verantwortung.

Heute ist Tag der Toleranz. Jetzt haben Sie die Möglichkeit zum Appell…

Kommen Sie Ihren Vorurteilen auf die Spur. Lernen Sie sich besser kennen. Es wird ihr Verhalten beeinflussen. Vielleicht fühlt es sich gut an und Sie möchten weitermachen – damit es nicht nur bei einem Tag Toleranz bleibt.

Prof. Dr. med. Steffi G. Riedel-Heller untersucht in ihrem IFB-Forschungsprojekt, inwiefern Menschen mit Übergewicht sozial stigmatisiert werden und, ob sich eine solche Stigmatisierung auch auf die Alltagsarbeit in der Krankenversorgung auswirkt. Die Ergebnisse sollen helfen, ein entsprechendes Schulungsprogramm für Menschen in Gesundheitsberufen zu entwickeln. Sie ist Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig.

Schlüsselwörter: Stigmatisierung, Psyche