Veränderte Wahrnehmung von Nahrungsreizen bei Jugendlichen mit Essanfällen

Werden Jugendlichen, die unter der Essanfalls-Störung (eng., Binge-Eating Disorder; BED) leiden, Bilder von Nahrungsmitteln und anderen Alltagsgegenständen dargeboten, zeigen sie im Vergleich zu gesunden Kontrollprobanden Auffälligkeiten in der Informationsverarbeitung von Nahrungsreizen.

Innerhalb ihrer experimentellen Studie haben die Wissenschaftler des Forschungsbereichs Verhaltensmedizin unter Leitung von Frau Prof. Dr. Anja Hilbert erstmalig den Nachweis erbracht, dass Jugendliche mit BED Nahrungsreizen mehr Aufmerksamkeit schenken als neutralen Reizen. Diese erhöhte Aufmerksamkeit kann ausschlaggebend für die Auslösung und Aufrechterhaltung von Essanfällen sein, bei denen die Patienten die Kontrolle über das Essen verlieren.
Hierzu wurden in einer Studie Blickbewegungen und Reaktionszeiten von 25 Jugendlichen mit BED im Alter von 12 bis 20 Jahren untersucht. In einer Aufgabe wurden den Probanden 30 Bildpaare von Nahrungsreizen und neutralen Bildern, z.B. Naturbildern oder Alltagsgegenständen, auf einem Bildschirm für jeweils drei Sekunden gezeigt. Die Bilder haben Ähnlichkeiten in Form und Farbe.Einige stellen Nahrungsmittel dar, andere jedoch nicht. „Das Besondere an dieser Untersuchung ist, dass wir die Blickbewegungen der Probanden präzise aufzeichnen können und ein direktes Maß der visuellen Aufmerksamkeit erhalten“, betont Prof. Dr. Hilbert. Die Ergebnisse zeigen, dass Jugendliche mit BED länger auf Nahrungsreize blicken, d. h. Schwierigkeiten haben, ihre Aufmerksamkeit von diesen Bildern zu lösen. Die Kontrollgruppe bestand aus sogenannten „statistischen Zwillingen“. Jedem Jugendlichen mit BED wurde ein Jugendlicher ohne BED zugeordnet, der das gleiche Alter, Geschlecht, den gleichen Gewichts- und sozioökonomischen Status aufwies, da diese Faktoren die Aufmerksamkeitsverarbeitung beeinflussen können. In einer zweiten Aufgabe, einer visuellen Suchaufgabe, wurde gezeigt, dass Jugendliche mit BED deutlich schneller waren, einen Nahrungsreiz unter Nicht-Nahrungsreizen zu entdecken als umgekehrt.
„Anhand unserer Ergebnisse wird deutlich, dass die veränderten Aufmerksamkeitsprozesse im Zustand der Sättigung ein Merkmal gestörten Essverhaltens sein können und aus evolutionärer Sicht dysfunktional sind“, erklärt Ricarda Schmidt, Diplom-Psychologin im wissenschaftlichen Team von Prof. Hilbert. Die Wissenschaftler denken, dass wichtige kognitive Funktionen zur Verhaltenskontrolle durch diesen Aufmerksamkeitsunterschied beeinträchtigt werden und enthemmtes Verhalten, wie es in Essanfällen auftritt, fördern. Neue Behandlungsansätze, die die Veränderung dieser neuropsychologischen Defizite in den Vordergrund stellen, werden derzeit am IFB erforscht. So wird unter anderem untersucht, ob ein Neurofeedback-Training bei erwachsenen Probanden mit BED wirksam zur Reduktion von Essanfällen ist. In diesem Training sollen die Probanden lernen, ihre Hirnaktivität gezielt zu verändern und beim Anblick von Nahrungsbildern einen Zustand der bewussten Entspannung und Kontrolle zu erreichen.
Quelle: Schmidt R, Lüthold P, Kittel R, Tetzlaff A, Hilbert A. Visual attentional bias for food in adolescents with binge-eating disorder. Journal of Psychiatric Research 2016;80:22-29. 
Epub: 2016 June 5, DOI 10.1016/j.jpsychires.2016.05.016