Positive Bilanz der ersten Forschungstage Bariatrie und Adipositas

Das IFB AdipositasErkrankungen und das Universitätsklinikum Leipzig hatten ein interessantes wissenschaftliches Programm zusammengestellt, das von Genetik, Endokrinologie, metabolischer Chirurgie und Neurowissenschaften bis hin zur Verhaltensmedizin reichte. Wichtig waren Diskussion und Austausch.

Besucher Forschungstage  11.2015
Rund 100 Interessierte aus Medizin und Wissenschaft nahmen an den ersten Forschungstagen Bariatrie und Adipositas im November 2015 teil. (Foto: IFB Adipositas)
Registrierung der Teilnehmer der Forschungstage 11.2015
Die Teilnehmer kamen aus ganz Deutschland. (Foto: IFB Adipositas)

Arne Dietrich, Professor für Bariatrische Chirurgie, und Prof. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Leiter des IFB, eröffneten die Fachveranstaltung, die zweijährlich im Wechsel mit dem Universitätsklinikum Heidelberg stattfinden soll. Viele Teilnehmer lobten die kollegiale und offene Atmosphäre, die auch ausreichend Raum für Diskussionen ließ. Eine Bereicherung der Forschungstage waren renommierte Experten wie die Professoren Martin Wabitsch (Ulm), Rudolf Weiner (Offenbach), Beat Müller (Heidelberg), Gerhardt Prager (Wien), oder Rolf Holle (München). Die gelungene Organisation waren Dr. Tatjana Schütz vom IFB und dem Veranstaltungsmanagement des Universitätsklinikums Leipzig zu verdanken.

Prof. Rudolf Weiner
Prof. Rudolf Weiner ist langjähriger Experte in der Adipositaschirurgie. (Foto: IFB Adipositas)

Akzeptanz und Kosten der bariatrischen Chirurgie

Kontrovers diskutierten die Ärzte und Wissenschaftler die Themen Akzeptanz und Kosten der Adipositaschirurgie. Die Forschung der Gesundheitsökonomen versucht aufzuzeigen, wie kosteneffektiv sich ein bariatrischer Eingriff gegenüber anderen Behandlungen nach ein paar Jahren erweist. Obwohl diese Eingriffe längst ihre Effektivität und Nachhaltigkeit gezeigt haben, fehlt ihnen vielerorts die Akzeptanz; Adipositas ist gesellschaftlich noch nicht als ernstzunehmende und behandlungswürdige Erkrankung anerkannt.
Bei anderen Krankheitsbildern, die teure Therapien nötig machen, stehen die behandelnden Ärzte weniger unter medizinischem, ethischem und ökonomischem Rechtfertigungszwang. Obwohl bariatrische Therapien bei der Verbesserung der Lebensqualität des Patienten sehr gut abschneiden, sind die OP-Zahlen hierzulande vergleichsweise niedrig, denn oft gibt es keine Kostenübernahme durch Krankenkassen. Dies könnte ursächlich auf die gemäß IFB-Studien große und auch bei Gesundheitsberufen verbreitete Ablehnung und Stigmatisierung von Menschen mit Adipositas zurückgehen. Damit einher geht nämlich das Denken, dass die Betroffenen größtenteils selbst Schuld seien an ihrem Gesundheitszustand und es nur an Willen und Motivation fehle abzunehmen. In der Folge führt dies in Deutschland dazu, dass im Vergleich zu anderen Ländern zu spät operiert wird und die Folgeleiden der Adipositas bereits ausgeprägt vorliegen.

Interessant in der zukünftigen Indikationsstellung für bariatrische Eingriffen wird der Stellenwert der Metabolischen Chirurgie sein. Der Begriff geht zurück auf den sehr positiven Einfluss der Eingriffe auf die verschiedenen Adipositas-bedingten Stoffwechselerkrankungen (metabolische Erkrankungen) wie Insulinresistenz, Typ-2-Diabetes, Fettstoffwechselstörungen, Fettleber und auch auf deren Folgeleiden wie etwa Herz-Kreislauferkrankungen. Dies führte Prof. Rudolf Weiner (Offenbach) aus Sicht der International Federation for the Surgery of Obesity (IFSO) aus.

Prof. Prager li.
Prof. Gerhardt Prager (li.) in der Diskussion mit einem Kollegen. (Foto: IFB Adipositas)

Behandlungskonzepte bei Jugendlichen auf dem Prüfstand

Zur Debatte standen auch die gegenwärtigen Behandlungsansätze bei jungen Menschen mit Adipositas. Dr. Elena Sergeyev, Ärztin in der AdipositasAmbulanz für Kinder und Jugendliche, präsentierte Daten von jungen Patienten, bei denen die Einzelfallentscheidung für einen bariatrischen Eingriff getroffen wurde.  Die langfristige Nachsorge ist bei Jugendlichen schwierig, da die Mitarbeit und Motivation der Patienten nicht immer gegeben ist.  In mehreren Fällen kam es nach dem Eingriff wieder zur einer Gewichtszunahme nach anfänglich sehr guter Abnahme. Trotzdem konnten auch in solchen Fällen die schweren Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) zum Teil aufgehalten oder verzögert werden. "Problematisch für die zukünftige Betreuung der Betroffenen ist nach wie vor das Fehlen von Langzeitdaten nach bariatrischen Eingriffen", so Dr. Sergeyev. "Bariatrische Eingriffe sind bei jungen Patienten aber die Ultima ratio und nur in ganz speziellen Fällen angezeigt.  Entscheidend ist es, die Präventions- und gezielte,  längerfristige Behandlungsprogramme anzubieten, denn Adipositas beginnt oft im Kindesalter", unterstreicht die Kinderärztin..

Prof. Gerhardt Prager von der Universitätsklinik für Chirurgie in Wien konnte aufzeigen, dass die Indikationsstellung zu einer bariatrischen Operation bei Jugendlichen in Einzelfällen gerechtfertigt ist und zu sehr guten Ergebnissen führt.

Dr. Yvonne Böttcher
Dr. Yvonne Böttcher und ihr Team forschen im Bereich Epigenetik und Adipositas. (Foto: IFB Adipositas)

Aktuelles aus der Adipositasforschung

Weitere interessante Themen der Fachveranstaltung waren, wie unser Gehirn beim Abnehmen hilft  und welche genetischen, epigenetischen und hormonellen Faktoren eine Adipositas begünstigen. Bezüglich des Gehirns und der Wahrnehmung vor und nach einem bariatrischen Eingriff ist z. B. erstaunlich, dass der Reiz kalorienreicher Speisen nach einem Gewichtsverlust nachzulassen scheint.

Immer stärker rückt auch der genetische und epigenetische  Einfluss etwa auf die Fettgewebshormone (Adipokine) in den Fokus der Adipositasforscher. „Epigenetische Veränderungen, welche die Genaktivität beeinflussen, können zusätzlich zu genetischen Faktoren auch einen Teil der Adipositas und die Bandbreite von Schwankungen in der Bevölkerung erklären“, so Dr. Yvonne Böttcher, Leiterin der Nachwuchsforschungsgruppe „Funktionelle Genetik“.

Ein Fazit der Organisatoren ist: "Diese erstmalig durchgeführten Forschungstage in Kombination mit einem UPDATE der der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie sind ein voller Erfolg", so Prof. Arne Dietrich, der wissenschaftliche Leiter der Fachveranstaltung. Besonders wichtig war es, Zeit für Diskussionen zu haben, die erfahrene Kliniker mit ambitionierten Forschern zusammenbrachten. In zwei Jahren werden die Forschungstage Bariatrie und Adipositas am Universitätsklinikum Heidelberg stattfinden. Prof. Dietrich und Prof. Beat Müller aus Heidelberg sind die Initiatoren der Forschungstage.

Weitere Informationen:

Beim Infomaterial  "Forschungstage Bariatrie und Adipositas" finden Sie das Programm sowie die Abstracts der freien Vorträge und wissenschaftlichen Poster.

  • Prof. Beat Müller
    Prof. Beat Müller (li.) diskutiert mit Prof. Lars Fischer (re.) und den Teilnehmern. (Foto: IFB Adipositas)
  • Prof. Dietrich und Prof. Wabitsch
    Prof. Arne Dietrich, wissenschaftlicher Leiter der Forschungstage, und Prof. Martin Wabitsch, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (Foto: IFB Adipositas)
  • Besucher Forschungstage
    Die Teilnehmer der Forschungstage beurteilten die Fachveranstaltung positiv. 2017 werden sie am Universitätsklinikum Heidelberg stattfinden. (Foto: IFB Adipositas)
  • Prof. Michael Stumvoll
    Prof. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Leiter des IFB, begrüßte die Teilnehmer der ersten Forschungstage Bariatrie und Adipositas in Leipzig. (Foto: IFB Adipositas)
  • Prof. Rolf Holle li.
    Prof. Rolf Holle vom Helmholtz Zentrum München (li.) im Gespräch (Foto: IFB Adipositas)