Bessere Therapien für die Essanfalls-Störung?

Die Essanfalls- oder Binge-Eating-Störung ist die häufigste Essstörung. Drei bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden darunter. Die Betroffenen verzehren große Mengen an Nahrung und haben dabei das Gefühl, die Kontrolle über das Essen zu verlieren. Behandlungsangebote gibt es hierzulande zu wenige.

Binge-Eating-Störung
Die Binge-Eating-Störung kommt meist bei Jugendlichen und jungen Menschen vor.. (Foto: iStock/Brainsil)

Die Betroffenen leiden oft stark unter dieser Essstörung. Belastend ist langfristig auch die Gewichtszunahme, zu der es meist infolge der Essanfälle kommt. Im Gegensatz zu Menschen mit einer Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) oder Magersucht (Anorexia nervosa) steuern Patienten mit der Binge-Eating-Störung der Gewichtszunahme nicht durch exzessiven Sport oder durch selbst ausgelöstes Erbrechen entgegen. In Deutschland gibt es zu wenige und unzureichend erprobte Behandlungsangebote für diese Essstörung. Deshalb ist die jüngste Veröffentlichung zu verschiedenen Therapieformen der Binge-Eating-Störung  von Prof. Anja Hilbert und weiteren Autoren besonders bedeutsam. Hilbert ist Leiterin des Bereichs Verhaltensmedizin am IFB und neue Präsidentin der internationalen Eating Disorder Research Society (EDRS).

Frau Prof. Hilbert, welche Therapien der Binge-Eating-Störung wurden untersucht?

In der wissenschaftlichen Publikation werden drei Behandlungsverfahren der Binge-Eating-Störung verglichen: die kognitive Verhaltenstherapie, die interpersonelle Psychotherapie und die verhaltenstherapeutische Gewichtsreduktionstherapie - auch Adipositasverhaltenstherapie genannt. Die interpersonelle Psychotherapie ist eine Behandlungsform, die ebenso wirksam ist wie der – in mehr Studien überprüfte - Goldstandard der kognitiven Verhaltenstherapie. Die Adipositasverhaltenstherapie, die nicht primär zur Behandlung von Essanfällen dient, sondern zur Reduktion des Körpergewichts dient, ist langfristig weniger geeignet bei Patienten mit Binge-Eating-Störung.

Der Schwerpunkt der interpersonellen Psychotherapie liegt auf einer Behandlung der Essanfälle durch eine Lösung der interpersonellen Probleme, in deren Kontext die Essanfälle auftreten. Die kognitive Verhaltenstherapie hingegen zielt unmittelbar auf eine Normalisierung des Essverhaltens, auf eine Verbesserung des negativen Körperbilds sowie auf weitere Faktoren ab, die zu Essanfällen führen, wie zum Beispiel Schwierigkeiten im Umgang mit negativen Gefühlen und Stress. Diese beiden Therapieformen, zumeist als Einzeltherapie angeboten, entfalten bei Patienten mit einer Binge-Eating-Störung eine deutliche und nachhaltige Wirkung auf Essanfälle und die damit einhergehende Psychopathologie, wie zum Beispiel Figur- und Gewichtssorgen oder Depressivität. Langfristig haben etwa 60 Prozent der so behandelten Patienten keine Essanfälle mehr. Das Körpergewicht wird stabilisiert. Dies stellt bei Patienten, die oft mit überproportional starken Gewichtszunahmen kämpfen, bereits einen wichtigen Erfolg dar, denn ein langfristig erfolgreiches Gewichtsmanagement ist ein wichtiges weiterführendes Therapieziel.

Jedoch ist Psychotherapie vergleichsweise teuer und kann nicht von jedem Patienten in Anspruch genommen werden. Gründe dafür können der Mangel an Therapeuten in entlegenen Gebieten oder auch Bedenken zu dieser Behandlung sein. Daher wurde als niederschwellige Therapieform die kognitiv-verhaltenstherapeutische Selbsthilfe mit Anleitung durch einen Coach entwickelt. Dabei bearbeiten die Patienten ein Selbsthilfebuch, in das sie ihr Essverhalten eintragen und in dem sie weitere Problembereiche selbständig bearbeiten, und sie erhalten persönliche Anleitung durch den Coach. Dieses Vorgehen hat sich als wirksam erwiesen, ist also eine evidenzbasierte Behandlungsmethode.

Es gab in der wissenschaftlichen Studie Patienten, die besonders schnell auf die Therapie ansprachen. Was bedeutet dies für die Betroffenen langfristig?

Das schnelle Ansprechen oder auch Rapid Response im Therapieverlauf, kann einen verbesserten Behandlungserfolg nach Therapieende ziemlich sicher vorhersagen. Für die Binge-Eating-Störung wurde in anderen Studien herausgefunden, dass Patienten, die eine über 65-prozentige Reduktion von Essanfällen innerhalb der ersten vier Wochen der Behandlung zeigen, eine erhöhte Wahrscheinlichkeit haben, am Therapieende frei von Krankheitssymptomen zu sein. Dies wurde über verschiedene Therapieformen hinweg gezeigt, mit Effekten, die bis zu einem Jahr nach Behandlungsende stabil waren. In dieser Studie wurde Rapid Response erstmals bei der interpersonellen Psychotherapie untersucht und, ebenso erstmals, über eine zweijährige Nachbeobachtungszeit. Dabei wurden Rapid Response-Effekte bei der interpersonellen Psychotherapie mit denen bei angeleiteter Selbsthilfe und der Adipositasverhaltenstherapie verglichen.

Wie erklärt sich das unterschiedliche Abschneiden der Therapieformen?

Diese Ergebnisse sind in Zusammenschau mit Vorbefunden durch die unterschiedliche Intensität der Therapieformen erklärbar. In einer intensiven Einzeltherapie wie der interpersonellen Psychotherapie kann ein Therapeut ein wenig gutes Ansprechen innerhalb der ersten Therapiewochen am besten auffangen. In der wenig intensiven angeleiteten Selbsthilfe ist dies für den Coach weniger gut möglich, weil er den Patienten seltener und kürzer sieht. Die vergleichsweise geringe langfristige Wirksamkeit der Adipositasverhaltenstherapie für die Essanfalls-Störung lässt sich damit begründen, dass es sich nicht um eine auf die Behandlung von Essanfällen zugeschnittene Therapieform handelt. Die relativ geringe Effektivität unabhängig von Rapid Response kann durch den Fokus auf die Gewichtsreduktion begründet werden.

Was bedeuten diese Forschungsergebnisse für die Therapie der Binge-Eating-Störung?

Die Studienergebnisse haben unmittelbare Relevanz für die Gestaltung von individualisierten Behandlungsmodellen für Patienten, die an dieser Essstörung leiden. So könnte Patienten die wenig intensive angeleitete Selbsthilfe als erste, kostengünstige Therapieform angeboten werden. Für die Patienten, die keine Rapid Response zeigen, ist ein Wechsel nach etwa vier Behandlungswochen zu einer intensiveren Therapieform wie der interpersonellen Psychotherapie Erfolg versprechend. Solche komplexen Behandlungsmodelle bedürfen jedoch weiterer Erforschung. Wichtig ist es, hierbei auch die Verlaufsdiagnostik zu verbessern, um Rapid Response unaufwändig und trennscharf zu erfassen. Die Adipositasverhaltenstherapie empfiehlt sich auf der Grundlage der Studienergebnisse nicht für eine nachhaltige Behandlung der Binge-Eating-Störung. Es ist wichtig, dies übergewichtigen und adipösen Patienten, die an dieser Essstörung erkrankt sind, zu vermitteln, wenn sie sich aufgrund ihres erhöhten Gewichts in Behandlung begeben.

Das Interview mit Prof. Anja Hilbert führte Doris Gabel.

Fachveröffentlichung:

Hilbert A, Hildebrandt T, Agras WS, Wilfley DE, Wilson GT. Rapid Response in Psychological Treatments for Binge Eating Disorder. J Consult Clin Psychol. 2015 Apr 13. [Epub ahead of print]

Dieser Artikel zur Binge-Eating-Störung erschien im renommierten "Journal of Consulting and Clinical Psychology" der American Psychological Association.