Gemeinsam stärker - Selbsthilfe für Menschen mit Adipositas

Erfahrungsaustausch ist das Wichtigtse in der Leipziger Selbsthilfegruppe.

Foto: IFB Adipositas

Das Universitätsklinikum Leipzig behandelt seit vielen Jahren Erwachsene, Jugendliche und Kinder mit Adipositas und kooperiert dabei mit dem Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen. Am Universitätsklinikum gibt es auch eine Selbsthilfegruppe für adipöse Menschen. Ein Mal im Monat treffen sich dort rund 12 Frauen und Männer und tauschen sich über die Therapien bei Adipositas, über ihre Erfahrungen und Probleme aus. Die Leiterin der Gruppe, Beate Kreiser,  erzählt im folgenden Interview, worum es in der Arbeit der Selbsthilfegruppe (SHG) geht.

Frau Kreiser, Sie leiten die Adipositas-Selbsthilfegruppe „Schwerelos“. Welchen Nutzen bietet sie den Mitgliedern?

Hauptnutzen ist der Erfahrungsaustausch Gleichgesinnter. Die regelmäßigen Treffen und die Gespräche helfen allen Mitgliedern, z. B. die eventuell angefallenen Probleme des letzten Monats zu verarbeiten.  Wir diskutieren, was gut klappt und was nicht bei meinem Ziel Gewicht zu reduzieren. Die Gruppentreffen laufen jeweils unter einem gemeinsam bestimmten Thema wie z. B. kalorienbewusstes Ostern, kalorienbewusstes Grillen, Fette und Öle, u. s. w.  Ein wichtiges Thema sind auch Adipositas-Operationen und was man dabei alles beachten muss. Dadurch lernt man gemeinsam mehr über das Krankheitsbild Adipositas. Wir besuchen auch Infoveranstaltungen des Klinikums und des IFB.

Welche Aktivitäten gibt es in Ihrer Selbsthilfegruppe? Für wen ist der Besuch der SHG sinnvoll?

Ab und an treffen wir uns für Aktivitäten wie gemeinsames Bowling, Walken, Kochen, Grillen, u. s. w. Der Erfahrungsaustausch ist uns aber das Wichtigste. Der Besuch einer Selbsthilfegruppe ist sinnvoll für Menschen, die etwas an ihrer Situation verändern wollen, die den Austausch suchen und offen sind für Erfahrungen anderer. Die Mitgliedschaft klappt am besten, wenn man auch bereit ist aktiv mitzuarbeiten.

Was wünschen Sie sich für die Selbsthilfegruppe für die Zukunft?

Die bisherige Unterstützung von Seiten des Uniklinikums durch die Diätassistenten Frau Stolle und Herr Selig und die Raumreservierung ist klasse und bleibt hoffentlich so. Ebenfalls ist die Möglichkeit der Nutzung der Lehrküche des IFB sehr gut. Alles andere organisieren wir innerhalb der Gruppe selbst. Natürlich wäre es gut, wenn sich weitere SHG gründen, denn unsere Gruppe wird langsam zu groß. Wir haben aber schon etwas im Auge; das ist aber noch nicht spruchreif.

Was sehen Sie als problematisch in den Therapieangeboten für adipöse Menschen? Wo müsste mehr getan werden?

Das Problematischste sind die langen Wartezeiten für eine Aufnahme in die Adipositassprechstunde am Uniklinikum Leipzig. Auch spätere Anmeldezeiten  für ambulante Patienten wären für Berufstätige  z. B. einmal die Woche  sinnvoll. Bei niedergelassenen Ärzten und Hausärzten trifft man als adipöser Patient nicht immer auf Verständnis und Unterstützung.  Das Problem wird abgetan mit „Sie müssen halt abnehmen.“ Das Therapieangebot müsste insgesamt größer sein. Es ist z. B. auch schwer sich mehr zu bewegen, denn es gibt kaum Geräte oder Einrichtungen für adipöse Menschen und die Hemmeschwelle ist hoch, etwa ins Schwimmbad zu gehen.

Was würden Sie sich von der Gesellschaft, den Mitbürgern, der Familie erhoffen im Umgang mit stark übergewichtigen Menschen?

Mehr Akzeptanz und keine Diskriminierung gegenüber "Dicken". Sie sind auch Menschen und die meisten sind selbst unglücklich über ihre Figur. Bei anderen Erkrankungen wie Diabetes oder Herzleiden trifft man auf viel weniger Vorurteile als bei starkem Übergewicht. Es ist auch wichtig, dass Freunde und Familie den Betroffenen beim Abnehmen unterstützen und ihn nicht immer nur kritisieren. Öffentliche Einrichtungen wie z. B. Straßenbahnen und öffentliche Transportmittel oder Wartebereiche in Ämtern sind kaum auf stark übergewichtige Menschen eingestellt.

Was hat Sie veranlasst in eine SHG zu gehen und nun eine zu leiten?

Das Thema "Adipositas" begleitet mich mit all den Höhen und Tiefenschon mein halbes Leben lang. Ich arbeite gern mit Menschen zusammen. Ich helfe gern anderen; und es ist Ansporn für mich als Vorbild für die Gruppe meine geschafften Gewichtsverluste zu halten. Ich habe über NAKOS* einen Kurs gemacht, was man bei der Bildung einer Selbsthilfegruppe beachten sollte. Den kann ich Leuten nur empfehlen, die sich engagieren wollen. Es wäre sehr gut, wenn sich am Uniklinikum noch weitere SHGs bilden.

*NAKOS = Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen

Das Interview führte Doris Gabel.

Interessierte können sich mit Fragen an die Leiterin der Selbsthilfegruppe ‚Schwerelos‘ wenden (Beate Kreiser, Telefon: 0170  82 29 776; E-Mail: beatekreiser [at] yahoo [dot] de).  Jeden ersten Donnerstag im Monat von 17 bis 19 Uhr trifft sich die SHG im Universitätsklinikum Leipzig.  Wer die SHG versuchsweise besuchen möchte, kann dies mit Frau Kreiser vereinbaren.

Im Internet z. B. auf der Seite des Adipositas-Verbands oder des Adipositas-Portals können Betroffene eine Selbsthilfegruppe in ihrer Nähe zu finden.

Schlüsselwörter: Gesellschaft & Soziales, Patienten-Berichte