Essstörungen bei Kindern – welche Rolle spielt die Familie?

Gemeinsame Mahlzeiten und eine positive Familienatmsophäre begünstigen ein gesundes Essverhalten bei Kindern.

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Das Leben und Aufwachsen in einer Familie ist heute mehr denn je prägend für die persönliche und gesellschaftliche Entwicklung der Heranwachsenden. Durch teils enge und langfristige Beziehungen über verschiedene Generationen hinweg nimmt die Familie einen entscheidenden Einfluss auf die Erziehung und Sozialisierung von Kindern und Jugendlichen. In verschiedenen Studien wurde daher bereits nachgewiesen, dass familiäre Einflüsse auch negative Effekte auf das Verhalten und Erleben von Kindern und Jugendlichen haben können. So spielt zum Beispiel die Familie auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Aufrechterhaltung von Essstörungen und Adipositas.

Was begünstigt Essstörungen bei Kindern?

Eine kürzlich veröffentlichte wissenschaftliche Übersichtsarbeit* von Anne Tetzlaff, Psychologin und Wissenschaftlerin am Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen, beschäftigt sich mit den familiären Einflüssen bei Essanfällen im Kindes- und Jugendalter. Wenn Essanfälle mit verschiedenen Verhaltensmerkmalen und erhöhtem Leiden einhergehen, können sie zur Diagnose einer Binge-Eating-Störung (Essanfälle) führen. Wenn auch kompensatorische Verhaltensweisen, wie selbst herbeigeführtes Erbrechen, vorliegen, kann dies die Diagnose einer Ess-Brech-Sucht (Bulimia nervosa) bedeuten. Aufgrund solcher Essstörungen entstehen meist Figur- und Gewichtssorgen, Depressionen, Ängstlichkeit, psychosoziale Probleme und auch Übergewicht bis hin zu Adipositas. Zu deren Entstehen tragen auch verschiedene familiäre Faktoren bei. Haben die Eltern beispielsweise selbst psychische Probleme wie Depressionen, oder sind sie etwa von Arbeitslosigkeit betroffen, kann dies einen Einfluss auf das Essverhalten ihrer Kinder haben.

Positives Familienleben ist wichtig für Gesundheit

Auch generelle Verhaltensweisen innerhalb der Familie stehen im Zusammenhang zu Essstörungen bei Kindern. Insbesondere die Häufigkeit und Atmosphäre des gemeinsamen Familienessens oder das Ess- und Diätverhalten der Eltern bilden eine Grundlage für das Verhalten der Kinder. Außerdem ist die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ein wichtiger Faktor für das seelische Gleichgewicht von Söhnen und Töchtern. Fühlt sich das Kind unsicher gebunden, streitet sich das Elternpaar häufig oder ist die generelle Kommunikation und Interaktion zuhause eher schlecht, leiden die Kinder und Jugendlichen auch öfter unter Essanfällen. „Dabei ist auch auffällig“, hebt Anne Tetzlaff hervor, „dass Eltern gehäuft negative Kommentare über die Figur oder das Gewicht ihrer Kinder verlieren oder sie gar wegen ihres Übergewichts stigmatisieren. Dass das dann wiederum zu Essanfällen bei ihren Kindern führt, zeigte sich sogar in Längsschnittuntersuchungen und gilt als wichtiger Risikofaktor.“

Die vorgestellten familiären Einflüsse auf Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen unterstreichen, dass ein harmonisches und geordnetes Zusammenleben mit einer engen und sozialen Bindung zwischen Eltern und Kindern von besonderer Bedeutung für die Gesundheit des Nachwuchses ist. Das dies gerade in einer Zeit von Patchwork-Familien und neuen Lebensweisen nicht immer ganz einfach ist, liegt auf der Hand. Doch schon kleine Veränderungen wie regelmäßige und häufige Familienmahlzeiten oder ein wertschätzender Umgang miteinander können helfen, Risikofaktoren für Essstörungen zu mindern. Wenn Familien bei der Umsetzung Unterstützung benötigen, gibt es auch noch die Möglichkeit von familientherapeutischen Maßnahmen. Außerdem bietet das IFB unter der Leitung von Prof. Dr. Anja Hilbert Jugendlichen im Alter von 12 bis 20 Jahren, die unter Essanfällen leiden, ein kostenloses Coaching an (nähere Informationen unter www.ess-stress.de).

Als Studienteilnehmer können Sie die Erforschung von Essstörungen unterstützen!

Am IFB AdipositasErkrankungen werden Essstörungen im Bereich Verhaltensmedizin erforscht mit dem Ziel, bessere Therapien zu entwickeln. Dies gelingt umso besser, je mehr Menschen diese Forschung unterstützen. So können z. B. übergewichtige Jugendliche im Alter von 12 bis 20 Jahren an Studien des IFB teilnehmen und erhalten dafür 30 bis 40 Euro Aufwandsentschädigung. Dabei geht es um die einmalige Beantwortung von Fragebögen, um Computertests sowie ein Testessen. Dies dauert insgesamt etwa 3 bis 4 Stunden. Interessierte können sich unter der Rufnummer 0341 97-15363 melden. 

*Quelle: Tetzlaff A, Hilbert A. Zur Rolle der Familie bei Essanfällen im Kindes- und Jugendalter. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. 2014 (42): 1; S. 61-70.

Martin Liborak