Ist das menschliche Fettgewebe verantwortlich für Diabetes?

Die Funktion und Verteilung des Fettgewebes entscheidet stark mit, wer Diabetes bekommt und wer nicht.

Starkes Übergewicht (Adipositas) erhöht das Risiko beträchtlich, an Diabetes zu er­kranken. Deshalb führt die steigende Zahl der Menschen mit Adipositas hierzulande auch zu immer mehr Diabetikern. Dennoch haben rund 15 Prozent der adipösen Frauen und Männer trotz überschüssiger Kilos einen gesunden Stoffwechsel. Wissen­schaftler haben erkannt, dass die Funktion und Verteilung des Fettgewebes stark mit entscheidet, wer Diabetes bekommt und wer nicht. Das Integrierte Forschungs- und Behandlungszentrum (IFB) AdipositasErkrankungen in Leipzig untersucht die noch wenig bekannten Prozesse im Fettgewebe, die für Diabetes und weitere Folge­erkrankungen der Adipositas verantwortlich sind. Anlässlich des Weltdiabetestages bietet das IFB einen Einblick in die Fettgewebsforschung.

Runder Po ist besser als runder Bauch

„Vor allem die bauchbetonte Adipositas ist mit einem erhöhten Risiko für Diabetes und Herz­kreislauferkrankungen verbunden“, erläutert IFB Wissenschaftler Prof. Matthias Blüher. Neben dem Bauch- oder viszeralen Fett, kommt es auch zu Fettablagerungen in Leber, Muskeln und der Bauchspeicheldrüse. Diese Fettverteilung geht meist einher mit einer nach­lassenden Wirkung von Insulin in den Körperzellen. So entwickelt sich eine Insulinresistenz und in der Folge ein Diabetes mellitus Typ 2.

Krankmachende Prozesse im Fettgewebe

„Gerade im Fettgewebe des Bauchraums kommt es zu verschiedenen Fehlfunktionen der Fettzellen und der zellulären Zusammensetzung, die letztlich krank machen“, so Blüher. Forscher konnten im Fettgewebe adipöser Menschen mit Diabetes vergrößerte Fettzellen, entzündliche Prozesse sowie eine gestörte Ausschüttung von Fettgewebshormonen nach­weisen. Auslöser für diese Fehlfunktionen des Fettgewebes bei Adipositas könnte in der mangelhaften Versorgung des Fettgewebes mit Blut und Sauerstoff liegen.

Die entzündlichen Prozesse v. a. im viszeralen Fettgewebe begünstigen die Entwicklung einer Insulinresistenz, Arteriosklerose und Fettleber. Sie führen zu einer Überschwemmung mit Makrophagen, also mit Immunzellen die normalerweise Erreger bekämpfen. IFB-Wissen­schaftler konnten zeigen, dass hohe Spiegel des Hormons Progranulin, auf diese ansonsten schwer nachweisbaren Entzündungszeichen hinweist. Durch eine Progranulin-Messung im Blut könnten Risikopatienten also früher erkannt und behandelt werden.

Hormone aus dem Fettgewebe

Das Fettgewebe produziert verschiedene Eiweißhormone (Adipokine), die in Immunabwehr und Stoffwechsel aktiv sind. Adipokine spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation der Insulinempfindlichkeit, des Appetits und der Sättigung, des Energiestoffwechsels, aber auch von Entzündungsreaktionen im Körper. Deshalb ist das Fettgewebe Teil des menschlichen  Immun- und Hormonsystems. So beeinflusst etwa das Adipokin Leptin den Stoffwechsel und Energie­verbrauch und senkt das Hungergefühl; Adiponektin wirkt positiv auf den Zucker­stoffwechsel und ist wahrscheinlich antientzündlich. Bei Adipositas kann die Ausschüttung solcher Hormone gestört sein, was die Entwicklung von Stoffwechsel- und Herzkreislauf­erkrankungen begünstigt.

Diabetestherapie aus dem Fettgewebe?

Fettgewebsforscher sehen im Adipokin Vaspin einen möglichen Ansatzpunkt für ein neues Medikament, da sich in Tiermodellen zeigte, dass es erhöhte Blutzuckerspiegel senkt. Dr. John Heiker vom Institut für Biochemie, einem Kooperationspartner des IFB, entschlüsselte den Wirkmechanismus von Vaspin: Es verbessert den Zuckerstoffwechsel bei einer Insulinresistenz, indem es u. a. ein Enzym (Protease) hemmt, das Insulin abbaut. Heiker erhielt für diese Arbeiten den Friedrich-Weygand-Preis des Max-Bergmann-Kreises.

„Die Fettgewebeforschung eröffnet viele Chancen. Bisher gibt es nämlich noch keine pharma­kologischen Therapieansätze, die die Fehlfunktion des Fettgewebes direkt beein­flussen können. Ein großer Vorteil für die Fettgewebeforschung in Leipzig ist die bundesweit größte Fettgewebebank an der Universitätsmedizin, gefördert vom Bundesforschungs­ministerium“, unterstreicht Prof. Michael Stumvoll, wissenschaftlicher Leiter des IFB Adipositas­Erkrankungen.

Doris Gabel

Schlüsselwörter: IFB-Forschung, Adipositasursachen, Fettgewebe & BMI