Eine adipöse junge Frau spricht über ihr Leben

Svenja ist stark übergewichtig und hat nun den Pfunden den Kampf angesagt. Hier ein Interview.

Foto: Canadian Obesity Network

Svenja* ist seit einem Jahr Patienten in der IFB AdipositasAmbulanz am Universitätsklinikum Leipzig. Die 28-jährige Studentin hat mit einem BMI von 53 beschlossen, gegen ihr Übergewicht aktiv zu werden und dafür auch externe Hilfe anzunehmen. Es ist ihr bereits gelungen, 15 Kilos abzunehmen. Sie weiß, dass sie noch einen weiten Weg vor sich hat.  Svenja kennt sämtliche Sorgen und Hindernisse, die starkes Übergewicht mit sich bringt.  Im folgenden Interview stand sie dem IFB Rede und Antwort.

Svenja, wie kam es zu dem Punkt, zu der Motivation, mit Hilfe der AdipositasAmbulanz das Abnehmen anzupacken?

Nun, der Gedanke, dass ich es allein nicht schaffe, kam mir schon viel früher. Der letzte Anstoß war dann eigentlich, dass ich im März 2011 aufgrund einer nicht ganz ungefährlichen Sache ins Krankenhaus musste. Das ganze hatte zwar primär nichts mit meinem Übergewicht zu tun, trotzdem wurde die Angst vor einer ernsthaften Erkrankung geweckt. Na ja, und um das Risiko zu vermindern, ist Abnehmen der erste Schritt in die richtige Richtung. Also dachte ich, ich hab nichts zu verlieren, warum keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen?!

Wie hat sich das Übergewicht bei Ihnen entwickelt? Hat es Sie seit der Kindheit oder Jugend schon begleitet?

Ich war schon als Kind übergewichtig. Es hat sich immer mehr angesammelt. Zu Grundschulzeiten war ich mal vier Wochen auf Kur, das hat natürlich viel gebracht, aber halten konnte ich diesen Erfolg nicht. Dann habe ich im Alter von 15 noch mal einen richtigen Abnehmversuch gestartet. Zu der Zeit konnte ich mein Gewicht um 25 kg senken. Aber auch dies konnte ich dann nicht halten. Die Ursachen dafür sind einfach, dass man nicht diszipliniert weiter macht. Man darf nicht wieder in alte Gewohnheiten zurück fallen. Wer einmal ein so hohes Gewicht hat, für den bleibt der Kampf gegen die Kilos ein Leben lang! Da kann man nicht sagen: So, Zielgewicht erreicht, fertig! Dann kommen die Kilos schneller wieder drauf, als man es sich vorstellen kann.

Aber eins möchte ich noch klarstellen, man kann es nicht einfach den Eltern in die Schuhe schieben, wenn die Kinder übergewichtig sind. Ich wusste schon in der Grundschule ganz genau, wie ich an Essen komme. Ich habe zum Beispiel in der Schule mein Obst, was ich von meinen Eltern mitbekommen habe, mit Schulkameraden gegen Fleischsalatbrötchen oder so getauscht. Oder auch erst bei einer Freundin Mittag gegessen und dann zu Hause noch Mal, ohne zu erzählen, dass ich bereits gegessen hatte.

Was ist für Sie das Schwierigste beim Abnehmen? Was mussten Sie in Ihrem Leben alles verändern?

Das Schwierigste? Das ist schwer zu sagen, ich glaube zum Einen die Disziplin, also die Disziplin zum Sport zu gehen und nicht lieber auf der Couch zu bleiben, und zum Anderen der Verzicht, Verzicht auf das, was man gerne essen möchte, aber lieber nicht sollte. Bei mir war es so, dass ich schon immer sportlich aktiv war, also musste ich in der Hinsicht nicht viel verändern, außer die Regelmäßigkeit erhöhen. In Sachen Ernährung habe ich auch früher schon Salat und Co. gegessen, aber ich musste mich an kleinere Portionen gewöhnen, an längere Pausen zwischen dem Essen und die Auswahl der Speisen, also z.B. weniger Fertiggerichte, weniger Kohlenhydrate, mehr Eiweiß! Das alles tagtäglich zu beachten ist schwer, ich würde behaupten unmöglich. Aber das Wichtigste ist, dass man nach schlechten Tagen nicht wieder in alte Muster zurück fällt, sondern weiter kämpft.

Viele adipöse Menschen haben körperliche Beschwerden und erfahren Ablehnung durch Dritte. Wie geht es Ihnen körperlich und psychisch?

Tja, körperlich ist man natürlich immer beeinträchtigt. Treppen steigen fällt nun mal schwer und es ist auch unangenehm, wenn man dann keuchend im vierten Stock ankommt und sicher dabei auch mehr schwitzt als andere. Das ist in vielen Situationen unangenehm. Trotzdem würde ich behaupten, geht es mir körperlich gut. Psychisch ist das eher anders. Da ist eben zum Einen die Angst, es nicht zu schaffen; den Kampf gegen das Übergewicht nicht zu gewinnen. Zum anderen gibt es diese verletzenden Blicke, Bemerkungen, usw. von Dritten. Die einen stupsen dann ihren Nebenmann an und man hört Aussagen wie: "Boah, guck mal dort, die Fette", die anderen fangen an zu singen "Schiebt den Wal zurück ins Meer". Die Leute sind da sehr kreativ. Und es tut immer weh. Man müsste den Mut haben zu sagen: „Tja, ich bin dick, kann aber abnehmen. Gegen Dummheit ist jedoch kein Kraut gewachsen!"

Wie gehen die Menschen in Ihrer nächsten Umgebung, Ihre Familie, Freunde, Mitstudenten mit dem Übergewicht um?

Ich habe das große Glück, wundervolle Freunde zu haben. Sie stehen zu mir, sie mögen mich, so wie ich bin. Sie haben mich auch schon des Öfteren bei blöden Bemerkungen verteidigt und den Leuten dann klar gemacht, wie unintelligent es ist, jemanden aufgrund seines Aussehens zu verurteilen. Aber auch meine Freunde und meine Familie wissen natürlich, welches Risiko Übergewicht hat und unterstützen mich beim Abnehmen so gut es geht.

Das Aussehen wird gerade bei Frauen sehr groß geschrieben, dem Schlankheitsideal wird in allen Medien gehuldigt. Welche Auswirkungen hat dies für Sie in Beziehungen zu Männern?

In Bezug auf Männer ist das Verhältnis schwieriger als bei Familie und Freunden. Als Teenager war es schwer, alle hatten einen Freund und mich wollte keiner "offiziell" als Partnerin. Aber auch hier hatte ich großes Glück, ich habe mich in einen Mann verliebt, der mich auch liebt und das um meiner selbst Willen, nicht aufgrund meines Aussehens. Er meinte einmal zu mir, dass ihm mein Übergewicht meistens gar nicht mehr auffällt. Nur wenn wir zusammen unterwegs sind wundert er sich dann, warum mich viele so komisch angucken. Mittlerweile sind wir seit fast 10 Jahren glücklich.

Oft werden übergewichtige Menschen belächelt, wenn Sie Sport treiben – obwohl mehr Bewegung gerade von ihnen verlangt wird. Sie sind erfolgreich im Sportverein aktiv und bestreiten auch Turniere. Wie reagiert die Sportwelt auf übergewichtige Sportler?

Also ich spiele seit 16 Jahren in meinem Verein Tischtennis und fühle mich dort sehr wohl. Auch die anderen Vereine, gegen die ich Punktspiele bestreite, kennen mich inzwischen. Ich muss sagen, in diesem Rahmen habe ich noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich werde eigentlich überall akzeptiert. Allerdings auch unterschätzt, was natürlich von Vorteil für mich ist. Ich habe dieses Jahr bei den inoffiziellen deutschen Meisterschaften gespielt, trat dort also gegen Spielerinnen aus ganz Deutschland an. Am Ende konnte ich sowohl im Einzel, als auch im Doppel den dritten Platz erreichen. Das hätte mir dort sicher auf den ersten Blick keiner zugetraut. Ich will damit sagen, sicher können adipöse Menschen keine Konkurrenz für Usain Bolt sein, aber es gibt genug Sportarten, in denen man trotz massiven Übergewichts erfolgreich sein kann.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Mein Ziel ist ganz klar, ich will den Kampf gewinnen. Mein Traum ist es, ein UHU zu werden (unter-Hundert-Kilos), aber bis dahin ist es noch ein verdammt weiter Weg. Aber jedes Kilo weniger ist ein Erfolg für mich und der Kampf lohnt sich!

Liebe Svenja, wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für diesen Kampf und bedanken uns ganz herzlich für dieses Interview!

Das Interview führte Doris Gabel.

* Der Name der Patientin wurde von der Redaktion geändert.

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