Wunderpillen zum Abnehmen - Schlank wird meist nur die Geldbörse

Pillen schlucken und schon purzeln die Pfunde – das ist ein Wunschtraum. In der Realität ist eine Behandlung allein mit Medikamenten nicht wirkungsvoll.

Über 6500 Einträge bieten Suchmaschinen im Internet für den Begriff „Abnehmmittel.“  Erstaunlich ist, dass es nur sehr wenige zugelassene Medikamente gibt, die beim Abnehmen helfen sollen. Das breite Angebot zeigt, wie groß der Markt und die Nachfrage in diesem Bereich sind. Unzählige nicht-zulassungspflichtige Nahrungsergänzungsmittel oder „natürliche“ Mixturen finden über das Internet Abnehmer. Fast immer handelt es sich dabei um zweifelhafte, manchmal auch schädliche Mittel.

Pillen schlucken und schon purzeln die Pfunde – das ist ein Wunschtraum. In der Realität ist eine Behandlung allein mit Medikamenten nicht wirkungsvoll. Arzneimittel können beim Abnehmen nur unterstützen und in hartnäckigen Fällen erste Erfolge herbeiführen. Das hilft die Motivation zu erhalten. In verschiedenen Studien konnte gezeigt werden, dass die zusätzliche Gewichtsabnahme durch Medikamente nur wenige Kilos beträgt. Wer dauerhaft abnehmen will, muss Lebensstil und Essverhalten verändern. Menschen, die nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion genauso viel wie zuvor essen, nehmen das verlorene Gewicht schnell wieder zu – meist auch noch ein paar Pfunde mehr. Denn der Körper möchte sich so vor der nächsten „Hungersnot“ schützen. Zu den Mitteln, die beim Abnehmen helfen sollen, gehören Appetitzügler, Fettblocker oder -binder und Quellstoffe. Prof. Matthias Blüher behandelt adipöse Patienten, die in die AdipositasAmbulanz des IFB nach Leipzig kommen. Er warnt, dass solche „Abnehmhilfen“ häufig wirkungslos sind oder zumindest nur einen kurzfristigen Gewichtsverlust unterstützen.

Appetitzügler unterdrücken Hungergefühl
Sie fördern im Gehirn die Freisetzung der Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin und dämpfen damit das Hungergefühl. Appetitzügler verursachen häufig Nebenwirkungen wie Puls- und Blutdruckerhöhungen und können auf Dauer abhängig machen. Aufgrund dieser häufigen und starken Nebenwirkungen in der Langzeit-Anwendung wurde die Substanz Rimonabant (Acomplia®)vom Markt genommen. Auch Sibutramin (Reductil®) wurde vom Hersteller Sanofi Aventis 2008 wegen der Häufung von Depressionen und verstärkter Selbstmordneigung bei Patienten europaweit zurückgezogen. Seit Januar 2010 ruht in Deutschland die Zulassung für alle sibutraminhaltigen Mittel wegen dieser massiven Nebenwirkungen.

Die amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) hat am 27. Juni 2012 den Appetitzügler Lorcaserin (Belviq™), der auch den Serotoninhaushalt beeinflusst, für die USA zugelassen. Er wird in der Schweiz von Arena Pharmaceuticals hergestellt. Der Gewichtsverlust über den Diäteffekt hinaus soll nach Herstellerangaben insgesamt bei etwa 3-4 Prozent des Körpergewichts liegen. Der Schweizer Hersteller strebt eine Zulassung in der EU an. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Kopfschmerz, Schwindel und Übelkeit, nicht aber, wie für andere Substanzen dieser Gruppe Depressionen, Angststörungen oder Selbstmordgedanken.

Fettblocker helfen Fette unverdaut auszuscheiden
Der Wirkstoff Orlistat (Xenical®, Alli®) hemmt die Spaltung der Nahrungsfette im Darm. Die Kapseln müssen deshalb zu fetthaltigem Essen eingenommen wird. Rund ein Drittel der Fette wird dann unverändert ausgeschieden. Nebenwirkungen wie Blähungen, Durchfälle oder übelriechende Fettstühle sind möglich. Orlistat kann außerdem die Aufnahme der fettlöslichen Vitamine A, D und E behindern. Bei einer längeren Behandlung empfiehlt der Hersteller deshalb ggf. ein Vitaminpräparat einzunehmen. Andere Mittel wirken als Fettbinder, z.B. Faserstoffe aus Polyglucosaminen (Substanz aus Krebstierpanzer; Handelsname Formoline L112), das rezeptfrei in der Apotheke gekauft werden kann, bindet einen Teil der Nahrungsfette, sodass sie unverdaut ausgeschieden werden. Auch bei diesen Mitteln liegt die Zahl zusätzlich zur Diät verlorener Kilos im einstelligen Bereich.

Quellstoffe im Magen täuschen Fülle vor
Quellstoffe helfen Übergewichtigen beim Abnehmen, indem sie den Magen ausfüllen, ohne dem Körper Kalorien zuzuführen. Vor jeder Mahlzeit wird eine Tablette eingenommen, um beim anschließenden Essen schneller satt zu werden. Die Produkte aus Alginaten, Kollagen oder Cellulose sind stark quellfähig und saugen sich im Magen wie ein Schwamm voll. Sie wirken rein mechanisch, werden nicht aufgenommen und nach der Darmpassage vollständig ausgeschieden. Die Nebenwirkungen sind – sofern richtig verwendet – gering. Deshalb sind Quellstoffe keine Arzneimittel sondern nur Medizinprodukte. Zu bedenken ist aber, dass vor allem bei Präparaten mit Cellulose viel Flüssigkeit aufgenommen werden muss, ansonsten könnte ein Darmverschluss drohen. Cellulose-Quellstoffe sind darum nur mit Rezept erhältlich.

Gefährliche Mixturen aus Internethandel
Die amerikanische Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) warnt inzwischen vor über 70 gepanschten Schlankheitsmitteln. Stiftung Warentest nahm 16 verschiedene Abnehmmittel im Jahr 2007 unter die Lupe. Das Ergebnis war erschreckend: Den meisten Mitteln waren nicht mehr zugelassene Appetitzügler wie Sibutramin, das Aufputschmittel Ephedrin oft in Kombination mit Koffein beigemischt. Häufig finden sich auch Amphetamine in diesen „Medikamenten.“

Andere Länder sind in der Zulassung von Abnehmmitteln zuweilen weniger streng. So ist z.B. im sehr schlankheitsbewussten Brasilien ein Mittel mit diesen Substanzen (Fenproporex) zugelassen, das die FDA und die EU verboten haben. Fenproporex zeigt viele Nebenwirkungen wie Blutdruckanstieg, Beschleunigung des Herzschlags, Herzrasen, Rhythmusstörungen, Angst, Schlaflosigkeit, Herz- und Brustschmerzen, starke innere Unruhe bis hin zu Psychosen. Bekannt sind auch das Suchtpotenzial und ein erhöhtes Suizidrisiko. Die Zusammensetzung und die möglichen Nebenwirkungen von Internet-Produkten sind nur unzureichend oder gar nicht deklariert. V.a. bei Übergewichtigen, die bereits ein angeschlagenes Herz haben, sind diese Mittel gefährlich.

Der Druck abzunehmen, führt zum Griff nach Wunderpillen
Zu den oft in der Werbung genannten Stoffen, die beim Abnehmen helfen sollen, gehören Tang und Algen, Carmellose, Guar, Karaya, Topinambur, Zitrusfaser, Chitosan, Enzyme, Birkenblätter, Brennnesseln, Hauhechel, Gartenbohnenhülsen, Olivenblätter, Orthosiphonblätter, Wacholderbeeren, Zinnkraut, Ephedrakraut, Guarana, Mate, Pu-Ehr-Tee, Apfelessig, Bioflavonoide, Bifiduskulturen, Ginseng, Ingwer, Kombucha, Linolsäure und Sonnenblumenöl, Vitamine und Mineralstoffe.
Oft werden gerade die natürlichen Mittel als ungefährlich aber besonders wirksam dargestellt. Tests haben aber nachgewiesen, dass sie nutzlos und manchmal sogar gesundheitsschädlich sind. Die Mengen an Inhaltsstoffen solcher Produkte sind entweder überhaupt nicht wirksam oder zu gering dosiert. Gefährlich können solche Mittel sein, wenn ihnen nicht zugelassene Substanzen wie Sibutramin beigemischt sind. Die Ärzte in den IFB AdipositasAmbulanzen für Kinder und Jugendliche sowie für Erwachsene empfehlen keines dieser Mittel.

Doris Gabel

Schlüsselwörter: Adipositasbehandlung, Ernährung & Diäten