Vom Sinn und Unsinn von Diäten

Diät bei Adipositas? Jede Diät ist nur so gut wie das eigene Durchhaltevermögen.

„Jede Diät ist nur so gut wie das eigene Durchhaltevermögen“

Diäten sind ein Dauerbrenner. Zeitschriften, vor allem die für Frauen, sind voll davon. Pünktlich zum Beginn der Fastenzeit läuft dieses Thema auch in Talkshows wieder hoch und runter. Anlässlich des „Tages der gesunden Ernährung“ (7.3.) greift das IFB AdipositasErkrankungen das Thema Diäten auf. Die Frage, die bewegt, ist dabei immer die gleiche: Welche der unzähligen Diäten, von denen jede die beste zu sein verspricht, bringt tatsächlich den größten und dauerhaften Erfolg im Kampf gegen Kilos? Und genau darin liegt der Fehler, im Glauben an die Kraft der Diät. Dabei entscheidet nicht die Diät, sondern jeder Einzelne darüber, wie viel und für wie lange er oder sie abnimmt. „Es kommt auf das Durchhaltevermögen an, ganz gleich für welche Diät man sich entscheidet“, sagt Dr. Tatjana Schütz, Ernährungswissenschaftlerin des IFB. Wer nicht zu schnell zu viel will, kann auch dem gefürchteten Jojo-Effekt entgehen. Simple Regeln, die man schon einmal gehört hat. Und dennoch kann man sie nicht oft genug sagen. Deshalb erklärt Dr. Tatjana Schütz einmal mehr die goldenen Regeln des Abnehmens – allgemein und im speziellen Fall der Adipositas.

Es wird immer über Sinn und Unsinn von Diäten diskutiert. Sind Diäten für Adipöse überhaupt angebracht?

Das kommt darauf an, was man unter dem Begriff „Diät“ versteht. Das Wort „Diät“ kommt aus dem Griechischen und bedeutet ursprünglich Lebensführung bzw. Lebensweise. Eine gesunde Lebensweise, die u.a. eine an den Energie- und Nährstoffbedarf angepasste Ernährung beinhaltet, ist durchaus für den adipösen Menschen empfehlenswert. Im Laufe der Zeit hat sich ein Bedeutungswandel hin zu einer speziellen Ernährung für kranke Menschen vollzogen, die das Ziel hat, Erkrankungen durch eine gezielte Lebensmittelauswahl günstig zu beeinflussen. Bei adipösen Menschen steht die Gewichtsabnahme im Vordergrund, die häufig durch „Extremdiäten“ mit einseitiger Lebensmittelauswahl wie bei der „Ananas-Diät“ oder extrem niedriger Energiezufuhr z.B. die „Nulldiät“ möglichst schnell erreicht werden soll. Von Diäten dieser Art ist abzuraten! Vielmehr ist eine geeignete „Diät“ ein wichtiger Baustein in der Therapie der Adipositas, neben Bewegung und der Compliance des Betroffenen, also das langfristige Durchhalten des Programms.

Welche grundsätzlichen Diäten gibt es und welche verspricht am ehesten Erfolg?

Reduktionsdiäten kann man entsprechend ihrer Nährstoffzusammensetzung in drei große Gruppen einteilen:

  •     die kohlenhydratarmen Diäten, bei denen die Zufuhr von Getreideprodukten, Reis und Kartoffeln vermindert wird,
  •     die fettarmen Diäten, bei denen die Fettzufuhr eingeschränkt wird,
  •     die energiereduzierte Mischkost, wie z.B. die mediterrane Ernährung, bei der Obst, Gemüse, Fisch, hochwertige Pflanzenöle und auch Fleisch bevorzugt werden und bei ausgewogener Nährstoffzufuhr eine Verminderung der Energiezufuhr anstrebt wird.

Wichtig für alle Diätformen ist, dass man grundsätzlich ausreichend Eiweiß zu sich nimmt, da der Körper sonst die eigene Muskulatur abbaut. Welche Diät nun am ehesten Erfolg zeigt, hängt davon ab, ob durch die Ernährungsumstellung eine negative Energiebilanz – die Energiezufuhr ist geringer als der Energieverbrauch – über einen längeren Zeitraum erreicht wird, sonst funktioniert eine Gewichtsabnahme nicht. Dabei beeinflusst weniger die  Zusammensetzung der Hauptnährstoffe, also Eiweiß, Fett und Kohlenhydrate, den Therapieerfolg als die Fähigkeit, diese geänderte Ernährungsweise auch für längere Zeit umzusetzen. Entscheidend ist die Therapietreue.

Wie sehen die Stufen der Ernährungstherapie bei Adipositas aus? Was gilt es zu beachten?

In Abhängigkeit vom Schweregrad der Adipositas, dem individuellen Risikoprofil und dem Therapieziel empfiehlt die Deutsche Adipositas-Gesellschaft in ihrer „Leitlinie - Therapie und Prävention der Adipositas“ die folgenden vier Stufen in der Ernährungstherapie:

Stufe 1: Alleinige Reduktion des Fettverzehrs
Die Fettzufuhr wird auf 60 g pro Tag verringert, der Verzehr von Kohlenhydraten bleibt unbeschränkt. Das tägliche Energiedefizit sollte bei ca. 500 kcal liegen. Durch diese Umstellungen lässt sich eine Gewichtsabnahme von durchschnittlich 3,2-4,3 kg in einem Zeitraum von 6 Monaten erreichen.

Stufe 2: Mäßig energiereduzierte Mischkost
Zusätzlich zu einer Einschränkung der Fettzufuhr wird der Verzehr von Kohlenhydraten und Eiweiß reduziert. Das angestrebte Energiedefizit liegt bei 500-800 kcal pro Tag. Empfohlen wird hierbei besonders der Verzehr von pflanzlichen Produkten, um eine gute Sättigung zu erreichen. Diese Ernährungsform ist weitgehend ohne Nebenwirkungen und langfristig wirksam. Sie gilt als Standardtherapie der Adipositas. In einem Zeitraum von 12 Monaten lässt sich im Mittel ein Gewichtsverlust von rund 5 kg erreichen.

Stufe 3: Mahlzeitenersatz mit Formulaprodukten
Durch Formulaprodukte  wie z.B. spezielle Eiweißgetränke oder Riegel  können ein bis zwei Hauptmahlzeiten pro Tag ersetzt werden. Bei einer täglichen Energiezufuhr von 1200-1600 kcal ist nach drei Monaten ein Gewichtsverlust von durchschnittlich 6,5 kg zu erwarten.

Stufe 4: Formuladiät
Durch diese Diätform mit ausschließlicher Zufuhr von Formulaprodukten liegt die zugeführte Energiemenge bei 800 bis 1200 kcal/Tag bei ausreichender Zufuhr von Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen. Der Gewichtsverlust liegt bei 0,5-2 kg pro Woche über einen Zeitraum von bis zu 12 Wochen. Spätestens nach 12 Wochen sollte eine Umstellung auf eine mäßig energiereduzierte Mischkost wie bei Stufe 2 erfolgen, um das Gewicht zu stabilisieren. Eine ärztliche sowie ernährungstherapeutische Betreuung ist wegen des erhöhten Nebenwirkungsrisikos angezeigt.

Je stärker die Kalorienzufuhr eingeschränkt wird und je länger die Diätphase dauert, umso wichtiger ist eine gleichzeitige Steigerung der körperlichen Aktivität zur Unterstützung der Gewichtsabnahme.

Wie kann man den Jojo-Effekt vermeiden?

Der Jojo-Effekt bezeichnet eine schnelle Gewichtszunahme nach dem Ende einer Reduktionsdiät, die sogar zu einem höheren Gewicht als dem Ausgangsgewicht führen kann. Die Ursache liegt darin, dass sich der Stoffwechsel sehr schnell an die geringere Energiezufuhr anpasst und der Körper auf Sparflamme schaltet, indem er seinen Grundumsatz absenkt. Für das Abnehmen ist dies negativ, da weniger Kalorien verbraucht werden. Die aufgenommene Energie, die nicht verbraucht wird, wandert dann nämlich in die Fettdepots.

Um diesem Jojo-Effekt vorzubeugen, sollte die Energiezufuhr nicht radikal eingeschränkt werden, sondern ca. 500 kcal bis maximal 800 kcal unter dem Bedarf liegen. Gleichzeitig sollte die körperliche Aktivität gesteigert werden, um den Energieverbrauch zu erhöhen und einem Muskelabbau entgegen zu wirken. Auf diese Weise verläuft die Gewichtsabnahme zwar langsamer – wünschenswert sind 0,5 kg pro Woche -, sie ist jedoch nachhaltiger und die Chance, das niedrigere Gewicht zu halten, ist höher.

Essen soll ja immer schmecken und Spaß machen. Ist das bei diesen Diäten überhaupt möglich?

Extremdiäten sind durch die einseitige Lebensmittelauswahl bzw. die sehr niedrige Kalorienzufuhr nur schwer durchzuhalten – der Spaß und Genuss am Essen kommt hierbei sicherlich zu kurz. Entscheidet man sich hingegen für eine energiereduzierte Mischkost, so lässt sich die ausgewogene Nährstoffzufuhr durch eine vielseitige Auswahl an Lebensmitteln erreichen, da ist für jeden etwas Schmackhaftes dabei! Allerdings muss man Maß halten, was Menge und Verzehrshäufigkeit kalorienreicher Lebensmittel und Getränke angeht. Ausgehend von der üblichen Ernährung des Adipösen wird die Ernährungsfachkraft schmackhafte Alternativen für „Kalorienbomben“ vorschlagen und über fettarme Zubereitungsarten informieren. Es kann durchaus Spaß machen, eine Diät als Ausgangspunkt zu nehmen, um die eingefahrenen Ernährungspfade zu verlassen und neue Geschmacksvarianten zu entdecken.

Gibt es Trends in der Adipositas-Behandlung und wie sehen diese aus?

Es gibt Hinweise aus wissenschaftlichen Untersuchungen, dass eine Vielzahl von Inhaltsstoffen in Lebensmitteln das Energiegleichgewicht im Körper beeinflussen. Zum einen sind hier die Ballaststoffe zu nennen, die in Obst und Gemüse enthalten sind. Zum anderen sind auch Inhaltstoffe von Beeren, Sojabohnen, Tee, unterschiedlichen Gewürzen und Zitrusfrüchten im Fokus der Wissenschaftler. Allerdings gibt es hier noch keine detaillierten Empfehlungen.

Wichtig für die Umsetzung einer gesunden Lebensweise mit dem Ziel der Gewichtsreduktion ist der direkte Kontakt zwischen Patient und Therapeut. Ebenso scheint die Betreuung aus der Ferne, z.B. über spezielle Online-Angebote mit E-Mail-Kontakt eine Erfolg versprechende Alternative zu sein. Doch auch hier gilt, dass besonders bei hochgradiger Adipositas und Begleiterkrankungen ärztlicher Rat eingeholt werden sollte.

Die Fragen stellte Carmen Brückner an Dr. Tatjana Schütz, Ernährungswissenschaftlerin am IFB AdipositasErkrankungen.

Schlüsselwörter: Adipositasbehandlung, Ernährung & Diäten