Erfahrungsbericht einer adipösen Frau

Eine Betroffene erzählt von ihrem Leben, ihren Beschwerden und ihren Erfahrungen im Alltag.

Diesen Erfahrungsbericht schrieb eine adipöse Frau, die am IFB AdipositasErkrankungen behandelt wird. Er möchte einen authentischen Einblick in ihr Leben, Denken und Erleben geben. Anstatt über adipöse Patienten zu schreiben, kommt hier eine Betroffene selbst zu Wort.

Ein Erfahrungsbericht: Fett – Diät – Sucht – Diskriminierung  

Meine Tochter ist süß. Sie sagt immer zu mir: „’Dick’ und ‚fett’ kannst du aus deinem Wortschatz streichen. Du bist nicht fett, du bist rund.“ An ihrer Zimmertür hängt ein Bild mit einem Weißkopfseeadler: „Hier wohnt Hanna“. Für meine Tür hat sie ein Bild mit einem fetten, äh, runden Vogel gemalt: „Hier wohnt meine runde Taube“. Ich mag meinen Bauch nicht, sie mag meinen Bauch. Damit ist sie allein auf weiter Flur. Denn „dick“ ist im allgemeinen Sprachgebrauch nicht mehr wertfrei. Sondern negativ besetzt. Zumindest wenn es um die Körpermaße geht. Letztens beschlich mich der Gedanke, ob das Verhalten meiner Tochter nicht ein Ausdruck von Co-Abhängigkeit ist; sie will mich ganz offensichtlich damit schützen.

Vor acht Jahren hat mir ein Psychologe gesagt, er hielte mich für essgestört. Gleichzeitig lehnte er es ab, ambulant mit mir auf dieser Strecke zu arbeiten. Mit der Begründung, das könne man nur stationär. Also habe ich mich gekümmert. Verhaltenstherapie, psychosomatische Kur, Selbsthilfegruppe, noch mal Kur. Ergebnis: Ich bin heute so schwer wie noch nie in meinem Leben. Mit allen Begleiterscheinungen. Diabetes, Bluthochdruck, Schlafapnoe, Asthma bronchiale, beginnende Gonarthrose. Ständig schmerzende Füße. Kurzatmigkeit. Schwitzen. Schwierigkeiten bei der Körperpflege, beim Anziehen (Socken und Schuhe), beim Treppensteigen. Überhaupt eingeschränkte Beweglichkeit. Müsste man doch meinen, das reiche, um Veränderungen anzustreben. Im Moment reicht es gerade wieder. Neuer Anlauf, neues Glück. Ernährungsberatung, Selbsthilfegruppe für Dicke. Bringt Austausch und Anregung. Machen muss ich allein. Und das ist so schwer, wenn es an der nötigen Disziplin mangelt. Kurzzeitig geht immer was. Aber bei mir geht es nicht um fünf oder zehn Kilo, bei mir geht es um 50 bis 60 Kilo. Nicht dass wir uns falsch verstehen: Nur zur Erhöhung der Lebensqualität. Vom Idealbild wäre ich dann immer noch so weit entfernt wie der Mond von der Erde.

Das Idealbild. Neulich sah ich eine Dokumentation mit Tim Mälzer zum Thema Diäten. Was wir immer schon wussten: Diäten bringen nichts außer dem Jojo-Effekt. In Amerika gab es eine Studie mit Mäusen. Die wurden auf Diät gesetzt und bekamen nach Beendigung der Diät ein fettreiches und ein fettarmes Futter angeboten. Preisfrage: Für welches Futter haben sie sich entschieden? Richtig, für das fettreiche. Eventuell hat man damit die Erklärung für den Jojo-Effekt gefunden. Der Körper muss während der Diät haushalten und verlangt dann vehement nach Auffüllung der verbrauchten (Fett)Reserven. Wenn man öfter eine Diät macht, manifestiert sich das dann wohl auch im Gehirn. Ergebnis: Essstörung.

Das Idealbild. Heutzutage am PC und mit entsprechender Software überhaupt kein Problem, aus einer normalen Figur eine „Traumfigur“ zu machen. Die ist nicht fraulich, sondern kindlich, wie Mädchen mit cirka zwölf Jahren, gestreckt auf 1,75 m Körpergröße. Schmale Taille, schmale Hüften, schlanke Oberschenkel, kleine Oberweite. Dazu ein austauschbares Gesicht. Und diese Figuren sieht man dann überall. In der Zeitung, in Zeitschriften, auf Plakaten im öffentlichen Raum, im Internet, in der Werbung im Fernsehen. Wenn also so eine Figur real gar nicht existiert, man aber der der holden Weiblichkeit einhämmert, dass sie nur etwas wert ist, wenn sie diesen perfekten Body hat, dann … Bingo! Kann die Schlankheits-, Diät- und Wellness-Industrie richtig Kohle machen. Und deswegen allenthalben diese Figuren! Manipulation in Reinkultur.

Beweis dafür, wie krank diese Gesellschaft ist.

Aber nein. In den Augen der Gesellschaft bin ICH die Kranke, weil ich offenbar zu faul bin, um mich anzustrengen, damit ich auch so aussehe. Oder zu undiszipliniert. Oder, oder. Ja, gut, ich BIN krank. Aber wie viele andere auch? Nur dass deren Makel nicht so augenfällig sind.

Wer hat noch gleich gesagt, es solle doch jeder nach seiner Fasson selig werden? Ich mach doch auch keinen an, nur weil der von Kopf bis Fuß tätowiert ist, was mir nicht gefällt. Oder ein Kilo Metall in der Form von Piercings im Gesicht und anderen Körperteilen hat, auch nicht mein Ding. Aber ICH muss mir Kommentare wie: „He, du fette Sau“, "Schlanker Fünftonner“ oder „deutsche Panzer rollen wieder“, gefallen lassen. Manchmal trifft es nicht so sehr, manchmal dagegen bis ins Mark. Hängt immer von der Tagesform ab. Und die schwankt bekanntlich. Dabei möchte ich einfach nur in Ruhe gelassen werden. Mit oder ohne meine Kilo. MEINE Kilo. MEINE Entscheidung. MEIN Leben.

Das IFB AdipositasErkrankungen bedankt sich herzlich bei der Autorin für die Bereitstellung dieses Textes.

Schlüsselwörter: Stigmatisierung, Psyche, Patienten-Berichte